VOMITORY gehören seit Jahrzehnten zu den unverzichtbaren Namen im Death Metal. 1989 gegründet, veröffentlichte die schwedische Band zwischen 1996 und 2011 acht Alben, bevor sie sich 2013 vorübergehend zurückzog. 2019 kehrten sie zum 30-jährigen Jubiläum zurück, und spätestens seit ihrem gefeierten Comeback-Werk „All Heads Are Gonna Roll“ (2023) ist klar: Das
Quartett ist wieder voll da. Mit „In Death Throes“ legen die Schweden nun ein Werk vor, das ihre Energie und Kreativität erneut eindrucksvoll unterstreicht.
Zu Beginn des Gesprächs mit Tobias Gustafsson geht es jedoch um etwas ganz anderes: die überraschende Zugänglichkeit des stets melodisch aufgeladenen Materials von VOMITORY, zu dem selbst Menschen, die normalerweise nichts mit extremem Metal anfangen können, Zugang finden können. Darauf angesprochen, reagiert der Schlagzeuger mit einer Mischung aus Realismus und trockenem Humor: „Es passiert zwar immer wieder, dass ich so etwas höre, doch weitaus öfter sind es Sachen wie: „Die Musik ist gut, aber mit den Vocals kann ich nichts anfangen.“ Ich glaube, viele sagen das nur aus Höflichkeit. Unsere Musik ist extrem, die Vocals sind es genauso. Oftmals bin ich mir zudem sicher, dass viele Hörer gar nicht verstehen, was bei uns musikalisch eigentlich passiert.“ Nichtsdestotrotz liegt der Gedanke nahe, dass der Fokus auf klassischem Songwriting eine Rolle zum Verständnis spielt – ein Ansatz, der im Genre nicht selbstverständlich ist: „Da hast du einen Punkt“, stimmt Tobias zu. „Und danke, dass du das hervorhebst, denn wir investieren sehr viel Arbeit genau dort hinein. Uns war immer wichtig, zuerst und vor allem Songs zu schreiben, statt einfach nur Parts
aneinanderzureihen. Wenn man die Death Metal-Elemente wegnimmt, sind viele unserer Stücke im Kern Heavy Metal-Songs, zumindest was die Struktur angeht.“
Damit verbunden ist die Frage, ob VOMITORY bewusst mit einfachen Ideen beginnen, um daraus komplexe Songs zu entwickeln. Der Schlagzeuger beschreibt den Prozess so: „Das trifft es ziemlich gut. Meistens starten wir mit einer Grundidee. Oft ist es nur ein kleines Riff oder ein Rhythmus, und darum herum bauen wir dann weiter. Man hat immer Fragmente aus früheren Projekten oder Songs, die nie fertig wurden. Ich habe eine ganze Kiste voller kleiner Notizzettel, und manchmal findet man etwas, das plötzlich perfekt zu dem passt, woran man gerade arbeitet.“ Trotz solcher Fundstücke beginnt jedes Album bei null: „Wir bauen eigentlich immer etwas Neues auf. Erst später schauen wir, ob ältere Ideen irgendwo reinpassen. Aber ehrlich gesagt: Wenn ich mir alte Handy-
Aufnahmen anhöre, denke ich meistens nur: „Was zur Hölle ist das?“ Manchmal funktioniert es, doch unser Fokus liegt klar darauf, Neues zu schreiben.“ Die Arbeitsweise der schwedischen Band ist klar strukturiert: Erst wird individuell komponiert, später gemeinsam verfeinert:
„Meistens schreiben wir allein und nicht gemeinsam im Proberaum. Außer ganz am Ende, wenn wir die Songs einstudieren. Dann kommt es vor, dass jemand sagt: „Lass uns diesen Part verlängern“ oder „Hier könnte man etwas ändern.“ Aber bevor wir in diese Phase kommen, ist die Musik im Grunde fertig. Seit wir wieder zusammen sind, schreiben Eric (Bass und Gesang) und ich allerdings häufiger zusammen. Jeder von uns bringt Ideen mit, und dann probieren wir zusammen aus, was funktioniert. Manchmal haben wir nach einem Wochenende einen Song fertig, manchmal auch nicht.“ Das neue Album „In Death Throes“ markiert das zweite Werk nach dem großen Comeback der Schweden: „Es war definitiv schwieriger, vor allem wegen des Zeitdrucks“, bestätigt Tobias die Vermutung. „Bei „All Heads Are Gonna Roll“ wusste niemand, dass wir an einem neuen Longplayer arbeiten, und wir konnten uns Zeit lassen. Jetzt lagen die Erwartungen höher, und wir wussten auch: Egal wie gut das neue Album wird, viele Leute werden es automatisch mit dem Comeback vergleichen. „All Heads Are Gonna Roll“ hatte einfach diesen besonderen Moment. Es war die Rückkehr von VOMITORY nach COVID-19 und in einer Zeit, in der alle hungrig nach neuer Musik und Live-Shows waren. Der Zeitpunkt war perfekt. Zunächst hatte ich ein bisschen Angst, dass manche denken könnten, dass es nur ein weiteres Album sei. Aber damals wie jetzt bin ich davon überzeugt, dass wir wirklich starke Alben veröffentlichen. Die Intensität haben wir sogar noch etwas gesteigert, denn mit Christian Fredriksson, unserem neuen Lead-Gitarristen, kam frische Energie in die Band. Er hat wirklich Großartiges beigetragen. Dabei haben wir nicht einmal
darüber diskutiert, die Dinge intensiver zu gestalten. Wir spielen einfach unsere Musik und versuchen, sie so gut wie möglich umzusetzen.“
Mit „In Death Throes“ erscheint nun ein weiteres Werk, das sowohl eine Old School-Attitüde aufweist und gleichzeitig aber auch als modern durchgeht: „Wir haben einen Fuß in beiden Welten“, erwidert Tobias. „Klar, die Produktion ist modern, der Sound ist druckvoll und zeitgemäß. Aber Sound ist mehr als nur Produktion, und unsere Wurzeln liegen eindeutig im Old School-Death Metal.“ Letztlich ist dem Schlagzeuger, der auch Teil von NIFELHEIM gewesen ist, vor allem an einem gelegen: „Ich mag gute Songs, und das war schon immer so. Manchmal ist es cool, extrem technische Sachen zu hören, die einem fast den Kopf verdrehen, aber das ist nichts, was ich regelmäßig höre.“ Was ihn generell an anderen Künstlern interessiert, fasst der Schwede so zusammen: „Die Musik selbst muss nicht völlig einzigartig sein, aber vielleicht hat die Band einen besonderen Sänger, einen unverwechselbaren Drummer, einen speziellen Drum-Sound oder eine interessante Art, Samples
einzusetzen. Musik muss für mich nicht einzigartig sein, damit ich sie genießen kann. Sie muss nur etwas Eigenständiges besitzen.“
Ob Innovation überhaupt noch möglich ist, beantwortet der Schlagzeuger mit einer Mischung aus Wunsch und Realismus: „Ich hoffe, dass es noch viel zu entdecken gibt, und ich bin sicher, dass es das gibt. Gleichzeitig glaube ich, dass vieles von dem Besten bereits geschrieben wurde.“ Diese realistische Sichtweise drückt sich auch im Blick auf VOMITORY aus: „Ich weiß nicht, ob wir einzigartig sind. Was uns von vielen Bands unterscheidet, ist unser Fokus auf Songwriting. Und wir mischen eine Prise Crust in unseren Death Metal, was nicht so häufig vorkommt.“
