DRAULIHT

Die zerstörerischen Folgen von Industrialisierung, Ausbeutung und Entmenschlichung prägen das Debüt-Album „Truglicht der Revolution“. DRAULIHT aus Böblingen entwerfen ein atmosphärisch dichtes, bewusst abstoßendes Klangbild, das historische Missstände mit bedrückender Aktualität verknüpft und musikalisch nicht nur auf Aggression, sondern ebenso auf Melodik und Atmosphäre setzt.

„Das, wofür DRAULIHT heute steht, wurde 2024 in der aktuellen Besetzung aufgezogen: V.S. für die Vocals, C.Z. am Bass und F.G. für Lead-Gitarre und Backing Vocals. Da hatten wir unser Thema gefunden, und das richtige Songwriting zum Album fing an.“ Der thematische Fokus war früh gefunden, wie F.G. beschreibt: „Von Anfang an hat uns eine Liebe für Konzept-Bands verbunden. Wir wollten mehr als ‚nur‘ Musik schreiben. Als wir ein originelles Thema suchten, fiel uns die Epoche der Industrialisierung ein. Ich wohne im dicht besiedelten Neckartal, umgeben von Fabriken und Schornsteinen – da war eine grundlegende Verbindung sofort vorhanden. Außerdem war ich als Kind Stadtführerin in meiner Heimatstadt Esslingen, die als eine der ersten und größten Industriestädte Deutschlands gilt. Da habe ich historisch vieles mitgenommen. Diese Zeit war düster, schmutzig und menschenverachtend. Das passt einerseits perfekt zu Black Metal und verdient andererseits mehr Aufmerksamkeit, da unser jetziges Leben ohne dieses Leid so nicht möglich wäre.“

Aus dieser historischen Finsternis entstand ein bewusst unversöhnliches Debüt, das auf einem kompromisslosen Konzept basiert: „Es sollte zur Atmosphäre und zum Leid der Zeit passen und am besten kühl, entmenschlicht und maschinell, aber trotzdem emotional und leidend wirken. Uns war es wichtig, Frust und Schmerz, aber auch ein Gefühl von innerer Stärke durch Zusammenhalt zu vermitteln.“ Die Texte von „Truglicht der Revolution“ folgen diesem Anspruch und fallen mal intuitiv, mal historisch fundiert aus: „Das ist immer 50/50“, erläutert V.S. „Meistens schreibe ich einfach drauflos, wobei zunächst einzelne Teile wie ein Refrain oder Breakdown entstehen. Bei spezifischen Feinheiten oder bestimmten Themen recherchiere ich, wie beispielsweise bei ‚Kein‘ Erbe‘. In diesem Song werden die Kindersterblichkeit und auch die ‚Engelmacherei‘ behandelt, bei der Pflege- sowie Adoptivkinder absichtlich mangelernährt wurden, damit sie einen ‚langsamen natürlichen‘ Tod starben, um sich anschließend am Pflegegeld oder einer Abfindung zu bereichern – eine kranke und ekelhafte Praktik jener Zeit, die selten behandelt wird. Bei solchen Texten arbeite ich mit wissenschaftlichen und historisch belegbaren Arbeiten und Abhandlungen. Aktuell beschäftige ich mich mit Abhandlungen über die Handelsschifffahrt während der Industrialisierung.“

Dass viele Missstände der Industrialisierung bis heute nachwirken, ist DRAULIHT bewusst: „Sehr, denn wir sind umgeben von einer Entwertung der Menschlichkeit im Namen der Effizienz. Gerade als Musiker, aber auch im Beruf oder Studium, begegnen wir täglich Dingen wie Künstlicher Intelligenz, die die Grenze zwischen Menschlichkeit und Maschinerie ultimativ verkörpert. Oder dem fortlaufenden Problem des Klimawandels; dass wir die Zerstörung unserer Umwelt für Profit in Kauf nehmen. Das alles sind nicht nur Themen von damals, sondern hat dort bloß angefangen und entfaltet sich bis heute mit allen Konsequenzen.“ Das Motiv des Aufbegehrens, das sich durch das Debüt zieht, ist dabei sowohl historisch als auch persönlich gemeint: „Zum einen haben wir das historische Thema gewählt, weil es selten in musikalischer Form vorkommt“, fasst C.Z. zusammen. „Zum anderen sehen wir die Parallelen zur heutigen Welt und wollen damit auch ein persönliches Statement setzen – aus dem Privatleben oder aus dem eigenen Arbeitsalltag.“

Musikalisch balancieren DRAULIHT zwischen barscher Zugänglichkeit und thematischer Härte, was sie laut F.G. bewusst gestalten: „Eine gewisse Balance ist wichtig, wobei die musikalische Zugänglichkeit niemals die thematische Härte verwaschen darf. Wir behandeln schließlich historische Realität und echtes Leid. Das darf unangenehm und abschreckend sein und unter dem Deckmantel der Zugänglichkeit nicht vergessen oder zweitrangig werden.“ V.S. ergänzt: „Um dieses Gefühl von Miteinander zu untermauern, sind uns auch die Möglichkeit der Interaktion mit dem Publikum und dessen Einbeziehung sehr wichtig. Zum anderen prägt auch das leichtgängige und manchmal fast schon repetitive Songwriting die Leere und Eintönigkeit der behandelten Thematik, wie zum Beispiel des Arbeiteralltages. Wobei Zugänglichkeit im extremen Metal-Bereich eher relativ ist.“ Die Produktion des Albums folgt einem klaren Selbstverständnis und ist in hohem Maß von der Band selbst verantwortet:

„Für die Thematik ist es überaus passend, das persönliche Etwas mit einzubringen“, sagt F.G. „Perfekt und maschinell überproduziert zu klingen, ist das eine, aber da fehlt mir dann meist die Menschlichkeit. Gerade der DIY-Ansatz ist ein Handwerk, das nicht zu unterschätzen ist. Und Handwerk ist doch genau das, was seit der Industrialisierung zu kurz kommt und immer weniger wertgeschätzt wird.“

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