BONG-RA

Aus der Idee des „verborgenen Wissens“ heraus entfaltet „Esoterik“ seine Wirkung: ein Werk, das Jason Köhnen alias BONG-RA als hermetisches Klangritual entwirft, in dem industrielle Härte, doomige Schwere und metaphysische Dunkelheit zu einer bedrängenden Erfahrung verschmelzen. Statt klassischer Songstrukturen entsteht ein Sog aus klanglicher Bedrohung, Dualität und ritueller Intensität, der den Hörer in eine Welt stößt, in der nichts vertraut wirkt.

Den kreativen Ausgangsimpuls dieses Albums beschreibt Jason als organische Weiterentwicklung und folgendermaßen: „„Esoterik“ ist eine logische kreative Fortsetzung des BONG-RA-Projekts. Für dieses Album bestand das Hauptziel darin, den Klang und Stil der vorherigen Alben „Antediluvian“ und „Meditations“ – eher basslastige Doom-Jazz-Arbeiten – mit dem glitchigen Industrial-Metal von „Black Noise“ zu verschmelzen, und dabei auch dem konzeptuellen Aspekt der früheren Werke (okkulte und/oder mystische Lehren) zu folgen.“ Dass er dabei auf frühere Ideen zurückgreift, ist für ihn kein nostalgischer Akt, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses: „Diese Universen sind nie abgeschlossen; sie ruhen, bis sie wieder erweckt werden. Ich bin kein Künstler, der in Wiederholung verharrt, sondern hungrig nach Experimenten, nach dem Verschmelzen von Ideen und Konzepten. Es ist also eine natürliche Entwicklung, zu sehen, ob und wie diese Universen kollidieren.“

Die starke Spannung zwischen meditativer Ruhe und eruptiver Kraft, die das Album prägt, wurzelt für ihn in einem zentralen Prinzip: „Hermetik. Diese Lehre treibt einen Großteil meiner Musik an. Die Prinzipien der Dualität sind ein wichtiger Bestandteil meines persönlichen Lebens und meiner philosophischen Sichtweisen. Mit Dualitäten von Licht und Dunkelheit zu spielen, ist in jeder Kunstform essenziell.“ Die monumentale Länge und organische Entwicklung der Stücke folgt keiner äußeren Vorgabe, sondern einem inneren Prozess: „Es gibt keinen Grund, sich selbst auf irgendwelche Strukturen zu beschränken. Die Vorstellung, dass Kunst Grenzen haben sollte, ist seltsam. Genauso wenig sollte persönliches Wachstum begrenzt sein. Es ist eine natürliche Wahl: Ein Prozess führt sich selbst, und mit einer gesunden Mischung aus Intuition und kreativer Erfahrung formt sich ein Werk von allein.“ Das Gefühl von innerem Konflikt und Transformation, das sich durch „Esoterik“ zieht, ist dabei sowohl persönlicher als auch konzeptioneller Natur: „Ordnung und Chaos sind Teil hermetischer Prinzipien; sie sind voneinander abhängig und können nicht ohne einander existieren. Es fließt viel „Esoterik“ in die Kompositionen ein – teils persönliche Erfahrungen, teils universelle Betrachtungen.“

Das zeigt sich etwa in der Verbindung von archaischen, rituellen Elementen mit modernen, mechanischen Strukturen: „Auch hier führt alles zurück zu den hermetischen Lehren. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, lebt von Dualitäten. Deshalb prallen Kontraste aufeinander und fühlen sich dennoch verbunden. Denn letztlich sind sie eins und dasselbe, nur an unterschiedlichen Punkten eines Spektrums.“ Dass Spiritualität und Dystopie in seiner Arbeit so eng beieinanderliegen, ist für Jason dabei ein Ausdruck dieser hermetischen Sichtweise: „Das Wichtigste, das ich auf abstrakte Weise auszudrücken versuche, ist, dass Licht und Dunkelheit gemeinsam existieren müssen. Die Herausforderung besteht darin, das richtige Gleichgewicht zu finden; das Yin und Yang, das sich in allen Ebenen der Existenz manifestiert. Wie oben, so unten. Am wichtigsten ist jedoch, das innere Yin und Yang zu kultivieren. Für mich ist das der Schlüssel zu einem bedeutungsvollen Leben und zu möglicher universeller Koexistenz.“ In seiner Karriere durchläuft Jason deshalb zwangsläufig verschiedene musikalische Phasen. Für ihn sind diese Epochen keine getrennten Kapitel, sondern miteinander verwobene Resonanzräume:

„Zwischen all dem, was ich tue, gibt es Verbindungen und Referenzen. Reduziert man sie auf ihre Essenz, fallen sie alle auf dieselben Frequenz- und Resonanzschwingungen zurück. Die physischen Klänge eines Genres sind nur „Färbungen“, die wir über diese metaphysischen Schwingungen legen. Am Ende kehrt alles zur gleichen Familie von Frequenzen zurück.“ Diese Haltung prägt auch sein Verständnis von Identität und Wandel innerhalb des Projekts BONG-RA: „Nichts bleibt konstant, da alles in einem Zustand ständiger Bewegung ist. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie vor ein paar Jahren, und ich werde es in ein paar Jahren wieder nicht sein – also wird sich auch meine Musik entwickeln und hoffentlich mit mir wachsen. Es gibt ein unendliches Universum an Ideen, und ich werde nicht einmal einen winzigen Bruchteil davon entdecken können. Nicht zu wachsen, ist keine Option.“ Seine aktuelle Phase beschreibt Jason als eine Zeit, in der frühere Konzepte klarer und bewusster geworden sind: „

Früher verstand ich intuitiv, wohin ich wollte, war aber nicht erfahren genug, um es richtig zu erfassen. Nach fast 40 Jahren Musikmachen hat meine musikalische Landkarte weniger unerforschte Gebiete als damals. Ich verstehe inzwischen besser, wie ich mich ausdrücken möchte. Alter, Weisheit, Erfahrung und Trial-and-Error haben mich und meine Arbeit über die Jahrzehnte geformt.“

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