DEFYING DECAY

„Synthetic Sympathy“ wirkt weniger wie ein klassisches Album und mehr wie ein Mixtape, das seine eigene Vielseitigkeit feiert. Die Vocals verraten zwar, dass hier dieselbe Band am Werk ist, doch stilistisch könnten die 14 Songs kaum weiter auseinanderliegen. DEFYING DECAY aus Bangkok präsentieren sich auf ihrem Drittwerk so experimentierfreudig wie nie: Modern- und NuMetal treffen auf Pop-Punk, Post-Hardcore, MetalCore, Hip Hop und sogar K-Pop, durchzogen von massiver Elektronik. Diese wilde Mischung wirkt wie ein bewusstes Austesten der eigenen Grenzen und führt zu einem ungebändigten, spannenden Album.

Seit ihrem Start im Jahr 2010 hat sich die Band klanglich mehrfach deutlich verändert. Frontmann Jay beschreibt diesen Wandel als etwas Organisches: „Wir setzen uns nie hin und sagen ‚Jetzt ist es Zeit, uns neu zu erfinden.‘ Das passiert meist ganz natürlich, wenn wir merken, dass sich Wiederholung einschleicht. Wenn sich etwas zu bequem anfühlt, ist das für uns ein Warnsignal, denn im kreativen Prozess wollen wir immer ein bisschen Gefahr spüren.“ Mal führt das zu härteren Riffs, mal zu Synth-Flächen, mal zu radikaler Reduktion. Entscheidend ist, nicht stehenzubleiben. Auch „Synthetic Sympathy“ entstand aus einem klaren emotionalen Impuls. Jay beschreibt den Ausgangspunkt so: „Der erste Funke für dieses Album kam aus dem Gefühl, dass das moderne Leben emotional künstlich wird. Wir sind vernetzter denn je, aber oft weniger menschlich miteinander. Menschen performen Empathie, performen Empörung, performen Liebe.“

Aus diesem Widerspruch entwickelten sich Konzept und Klang sowie ein Sound, in dem kalte Texturen mit menschlicher Verletzlichkeit kollidieren. Ein wesentlicher Einfluss auf diese Entwicklung waren die Tourneen mit internationalen Acts aus unterschiedlichsten Sub-Genres. „Touren lehrt Demut“, sagt der Sänger. „Man sieht Bands mit riesigen Produktionen, und andere, die mit nichts außer Überzeugung jeden Raum zerstören. Das hat uns verändert.“ Für DEFYING DECAY bedeutet das: Ehrlichkeit im Songwriting und maximale Intensität auf der Bühne; unabhängig vom Genre. Dass die Band aus der noch jungen Heavy-Szene in Thailand stammt, hat sie zusätzlich geprägt: „In den Anfangstagen gab es wenige Plattformen, wenige Venues und wenige Menschen, die Heavy Musik ernst nahmen. Manchmal fühlte es sich an, als müsste man seine Existenz erklären, bevor man überhaupt einen Ton spielen durfte.“

Diese Hürden schufen Resilienz und eine Mentalität, die bis heute anhält: Chancen selbst schaffen, Community aufbauen und doppelt so hart arbeiten. Gesellschaftliche Themen spielen für DEFYING DECAY ebenfalls eine Rolle, wenn auch nicht dogmatisch: „Musik muss nicht politisch sein, aber sie sollte immer ehrlich sein“, betont Jay. „Wenn Künstler Ungerechtigkeit sehen und etwas Echtes dabei empfinden, kann Schweigen selbst zu einer Aussage werden.“ Kunst bedeute für die Band Mut und die Fähigkeit, zu trösten, zu verbinden und zu erinnern. Beim Blick zurück auf die frühen Releases erkennt der Frontmann vor allem Kontinuität im Antrieb: „Der Hunger ist noch da, die Dringlichkeit ebenfalls.“ Hinter sich gelassen hat die Band hingegen den Impuls, Aggression um ihrer selbst willen einzusetzen: „Früher war Aggression manchmal die Botschaft. Heute ist Aggression nur noch eines von vielen Werkzeugen.“ Trotz Line-Up-Wechseln haben DEFYING DECAY eine gemeinsame kreative Sprache gefunden. Für Jay liegt das an der Haltung innerhalb der Band: „Indem wir einander ohne Ego zuhören. Jeder brachte andere Referenzen mit – Metal, elektronische Musik, Pop, Hardcore, Film-Soundtracks – aber statt diese Grenzen zu verteidigen, ließen wir sie aufeinanderprallen.“

Am Ende wurde Emotion zum verbindenden Element. Der Band-Name hat dabei über die Jahre an Bedeutung gewonnen: „Heute bedeutet er Widerstand. Nicht so zu tun, als gäbe es Verfall nicht, sondern sich ihm nicht zu ergeben.“ Ob persönlich, sozial oder kreativ, der Name erinnert die Musiker daran, dass Entropie real ist, aber Willenskraft ebenfalls. Die Wertschätzung vieler Hörer, die DEFYING DECAY als Genre-übergreifend und vorwärts gerichtet wahrnehmen, versteht Jay als Kompliment, ohne darin eine Strategie zu sehen: „Wir respektieren Genres, weil sie aus echten Communities und Geschichten entstehen. Aber wir wollen nicht innerhalb von Zäunen leben.“ Im Kern komme die Band aus der Heavy-Welt mit Intensität, Katharsis und Ehrlichkeit, doch sie leihe sich von überall. „Vielleicht gehören wir also zu einer Tradition der Außenseiter.“ Musikalisch geprägt wurden die Mitglieder von einer breiten Palette: „Viele von uns sind mit Metal, Alternative Rock, Industrial, Film-Scores und sogar Pop-Melodien aufgewachsen. Uns zog alles an, was emotional extrem war.“

Diese Mischung aus Härte, Atmosphäre, Hooks und Kontrasten prägt heute die Songs. Ebenso wichtig war die lokale Szene: „Zu sehen, wie Menschen in kleinen Räumen etwas aus dem Nichts erschaffen, hat es für uns real gemacht. Es zeigte uns, dass man keine Erlaubnis braucht, um anzufangen.“ Die Balance zwischen Experiment und Identität beschreibt der Frontmann als überraschend einfach: „Identität ist kein bestimmter Gitarren-Sound oder Produktionsstil. Identität ist Perspektive. Solange Emotion, Intensität und Ehrlichkeit da sind, können wir fast alles erkunden.“

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