Mit ihrem neuen Album „Unberechenbar“ beweisen DIE DORKS einmal mehr, dass musikalische Entwicklung und stilistische Offenheit kein Widerspruch zur eigenen Haltung sein müssen. Das Trio aus Süddeutschland liefert ein Werk voller Energie, Tiefgang und klanglicher Wucht, das sich zwischen Punk, Hardcore und Metal souverän behauptet. Die Texte von Frontfrau Liza Dork sind
pointiert, reflektiert und offen für Interpretation – ein Spiegel der musikalischen Vielseitigkeit der Band.
Ein Blick auf die Social-Media-Profile der Band offenbart den Slogan „Rock mit Frontfrau und Metal-Kante“. Warum das Geschlecht der Sängerin überhaupt noch betont wird, erklärt Liza so: „Da gebe ich dir tatsächlich recht. Eigentlich müsste es nicht notwendig sein. Aber bei uns ist es doch etwas Besonderes, weil ich viele Bands mit weiblichem Gesang kenne, aber sehr wenige in unserem Genre, wo die Sängerin gleichzeitig auch die Hauptgitarristin ist – und das in einem Rock-Trio. Das wollten wir ein bisschen hervorheben. Aber klar, heute gibt es viele Frontfrauen, und das sollte eigentlich selbstverständlich sein.“ Ein visuelles Detail des neuen Albums sorgt ebenfalls für Gesprächsstoff: drei stilisierte Scheren auf dem Cover, die an die Straight Edge-Symbolik erinnern: „Es stimmt, das könnte man so assoziieren“, erwidert die Musikerin. „Das war einfach die Idee des Künstlers, der das Artwork gezeichnet hat. Er hat mit dem Titel „Unberechenbar“ gespielt und als ein bisschen Psycho, ein bisschen Chaos umgesetzt. So kam er auf die drei Scheren, und wir fanden das cool. Tatsächlich ist unser Bassist Straight Edge. Von daher ließe sich ein Bezug herstellen. Unser
Schlagzeuger und ich trinken auch kaum – vielleicht mal ein Bier mit Fans, aber wir sind eine sehr brave Rock’n’Roll-Band. Vom Lemmy haben wir nicht so viel, da könnten wir nicht mithalten“, sagt Liza lachend, die beim Gespräch einen Motörhead-Zipper trägt.
Mit Blick auf eine mögliche Auslegung des Album-Titels teilt sie die Einschätzung, dass DIE DORKS zwar immer überraschen, aber nie enttäuschen: „Ich verstehe deinen Gedankengang“, sagt sie. „Und ich finde es toll, dass du sagst, du wirst immer positiv überrascht. Es könnte ja auch negative Überraschungen geben – so nach dem Motto: „Was haben die denn da für einen Schrott rausgebracht?“ Aber wir wollen diesen Bezug immer erhalten und bestätigen. Ich schreibe die Songs in ihrer Ursprungsform, und mir ist wichtig, mich stilistisch nicht festzulegen. Von Classic
Rock über Metal bis hin zu thrashigem Zeug höre ich selbst alles Mögliche. Wenn mich ein Riff packt und der Song in eine bestimmte Richtung gehen will, dann ist das so. Was uns als Band gut darstellt: Wir wollen uns nicht festlegen.“
Das stilistische Wachsen der Band ist eng mit Lizas persönlichem Werdegang verknüpft, wie sie ausführt: „Das war überwiegend eine Frage meiner eigenen musikalischen Entwicklung. Ich bin Gitarristin und Songschreiberin, auch schon in der alten Besetzung. Meine Fähigkeiten sind mit der Zeit größer geworden. Mit 15 Jahren habe ich WIZO gehört – genauso wie Iron Maiden, Metallica, Kreator und Slayer. Das gehörte für mich alles dazu. Irgendwann wächst man da raus und will nicht mehr nur Punk sein. Das war auch ein Grund, warum wir – also der Schlagzeuger und ich – uns von der alten Besetzung getrennt haben. Die anderen wollten stilistisch eher bleiben, während wir uns weiterentwickeln und nicht in ein Genre gepresst werden wollten.“ Die Anlage und Produktion des neuen Albums spiegeln dieses Verständnis deutlich wider. Die Frontfrau betont: „Qualitativ ist es nochmal ein Schritt weiter. Das ist auch unser Anspruch, dass wir uns als Musiker weiterentwickeln. Nach jedem Release überlegen wir, was wir besser hätten machen können. Da fallen mir jetzt schon wieder Sachen auf, die ich beim nächsten Mal anders angehen werde. Dennoch ist die Produktion diesmal besonders.
Wir wollten es organischer – nicht so glatt. Das war auch der Anspruch der anderen beiden, die gesagt haben: Auch wenn es technisch gut ist und die Riffs stimmen, muss da dieses Räudige, dieses Rotzige drin sein, und es muss lebendig und organisch klingen.“
Die Umstellung auf ein Dreier-Line-up ist bewusst in die Produktion integriert: „Das war uns sehr wichtig, denn vorher haben wir mit zwei Gitarren gearbeitet. Das letzte war unser erstes Album als Trio. Wir haben Wert darauf gelegt, dass live nichts fehlt, selbst wenn ich fünf Gitarren-Overdubs mache. Live muss man ja immer eine Spur weglassen, das haben wir bei der Produktion berücksichtigt. Der Anspruch war, nicht zu überproduzieren, sondern die Songs so aufzunehmen, dass sie live genauso die Message transportieren wie auf der Platte und die Leute sie fühlen können.“ Mit „Unberechenbar“ gelingt DIE DORKS ein weiterer Schritt in ihrer musikalischen Evolution. Der Weg aus einer klar abgegrenzten Szene hin zu einer stilistisch offenen Band, die unterschiedliche Geschmäcker auf sich vereint, scheint erfolgreich gemeistert: „Am Anfang war das schwierig“, gibt Liza offen zu. „Es gibt Leute, die an Besetzungen festhalten und nicht wollen, dass man sich weiterentwickelt. Wir haben erst Hörer verloren. Jetzt merken wir,
dass es langsam wieder steigt und neue dazukommen. Wenn man den Schritt geht, muss man sich bewusst sein: Manche gehen, andere bleiben, neue kommen. Wir drei haben 2020 entschieden, wie wir als Team weitergehen wollen und arbeiten seither super zusammen.“
Die stilistische Offenheit der Band bringt nicht nur neue Hörer, sondern auch Herausforderungen im Booking mit sich: „Es ist nun einmal ein Transformationsprozess. Am Anfang denkt man: „Mal sehen, wie es anläuft.“ Mit welchen Bands man spielt, ist mitunter schwierig. Wir passen überall ein bisschen rein. Manche Agenturen sind aber auf Genres festgefahren. Die eine sagt: „Ihr seid zu Metal-lastig.“, die andere: „Ihr macht nicht genug Heavy Metal.“ Das macht es manchmal schwierig.“ Dennoch sieht die Frontfrau darin eine Chance: „Unser Produzent sagt, dass wir wie keine andere Band im deutschsprachigen Bereich klingen. In den 1970ern und 80ern war ein Alleinstellungsmerkmal von Vorteil. Damals haben sich Bands nicht so viele Gedanken über Genres gemacht. Wenn du heute eine Motörhead-Platte hörst, weißt du: Das sind Motörhead. Die haben ihr Ding gemacht.“ Die Position zwischen den Stühlen ist für DIE DORKS langfristig ein Vorteil, kurzfristig jedoch mit Unsicherheiten verbunden: „Absolut. Und wenn man wie wir aktuell keine Agentur hat, aber ein paar Release-Konzerte plant, dann zittert man schon ein bisschen.
Man muss Vorverkauf generieren, damit Leute kommen. Ganz wichtig wäre für uns, mal eine große Tour zu supporten, um den Kreis nochmal zu erweitern.“
Das Booking übernimmt die Band derzeit komplett selbst. Auch beim Label geht DIE DORKS eigene Wege, auch wenn „Unberechenbar“ über Motor erscheint: „Absolut, es ist ein Label-Service-Vertrag“, bestätigt die Sängerin und Gitarristin. „Wir haben uns bei größeren Labels beworben, aber die hauptsächliche Rückmeldung war, dass sie mit ihren bestehenden Bands voll bis oben hin sind. Es gab dabei etliche positive Rückmeldungen. Einige sagten, die Musik sei cool, aber sie hätten einfach keinen Platz mehr. Auch Managements haben sich gemeldet, fanden uns super, wollten gern mit uns arbeiten, aber meinten, sie schaffen es zeitlich nicht. Und von anderer Seite kam das Feedback, dass wir mit 7.000 Followern auf Facebook und 5.000 auf Instagram zu wenige hätten. Was ich ehrlich gesagt
gar nicht so schlecht finde, denn da muss man ja auch erst mal hinkommen. Aber manche hängen sich eben an solchen Zahlen auf. Das Wichtigste für uns ist jetzt, dass das Album ab Januar 2026 draußen ist. Dann werden wir touren und Konzerte spielen.“
Die Entscheidung zur Dreierbesetzung fiel 2020 – mitten in der Corona-Hochphase. Diese Zeit brachte Vor- und Nachteile mit sich: „Für das Musikalische war es auf jeden Fall gut“, überlegt Liza. „Wir konnten uns als Trio finden und haben sehr viel geprobt. Der Schlagzeuger und ich arbeiten im Gesundheitswesen. Wir konnten uns testen und hatten dadurch die Möglichkeit, wirklich alles zu machen: proben, üben, besser werden. Negativ war natürlich, dass wir mit einer komplett neuen Besetzung und einem Neustart erst mal wieder rauskommen mussten. Nach fast zwei Jahren Lockdown hatte ich schon das Gefühl, dass man ein Stück weit wieder von vorne anfängt, den Namen ins Gespräch zu bringen und sich neu zu positionieren.“ Die „Motörhead-Besetzung“ ist heute eingespielt: „Ich erlebe es eigentlich nur als Vorteil“, sagt die Musikerin. „Es war die beste Entscheidung. Du hast drei Leute, die sich aufeinander verlassen müssen und können. Beim Konzert ist der Soundcheck mit drei Leuten viel einfacher. Ich höre oft bei anderen Bands, dass es
Probleme mit Gitarren-Reihen gibt. Wenn du keinen guten Techniker hast, musst du zwei Gitarren wieder ausbalancieren, doch wir haben immer einen schnellen Soundcheck. Das ist großartig. Wenn der Techniker gut ist, sind zehn bis fünfzehn Minuten ausreichend. Das erleichtert vieles.“
Auch organisatorisch ist die Dreierbesetzung ein Gewinn: „Die Terminabsprachen sind einfacher. Wir sind ja nicht mehr 20. Jeder hat Verpflichtungen. Unser Bassist hat Familie, da muss man auch mal Urlaube berücksichtigen. Und was den Sound betrifft: Zu viele Köche verderben den Brei. Es ist ein gutes Miteinander mit klarer Aufgabenverteilung. Ich bringe die Ideen, schreibe die Songs, und die beiden anderen machen Vorschläge, wie man den Bass gestalten oder das Schlagzeug arrangieren könnte. Dann gebe ich wieder Feedback. Es funktioniert wunderbar.“ Auffällig ist auch die sprachliche Qualität der Texte von DIE DORKS, die gleichzeitig sowohl pointiert als auch allgemeingültig ausfallen – in jedem Fall zum Nachdenken anregen: „Vielen Dank für das Kompliment“, freut sich Liza. „Es ist interessant, was du da ansprichst. Ich bin der Meinung, dass man den Leuten nicht vorkauen sollte, was sie zu denken haben – gerade in unserer Gesellschaft. Man muss Interpretationsspielraum lassen und durch subtile Botschaften die Leute dazu bringen, selbst zu überlegen, was gemeint sein könnte. Das Mitdenken spielt für mich eine große Rolle. Ich bin einfach so vom Typ her und mag keine stumpfen, platten Aussagen. Das war nie meins.“ Diese Tiefe ist ein Markenzeichen der Texte auf „Unberechenbar“: „Das hat man nicht bei vielen Bands. Oftmals wirkt es erst wie eine klare Ansprache, doch dann merkt man, dass da noch eine tiefere Bedeutungsebene drinsteckt. Ich finde es toll, wenn Texte so formuliert und vorgetragen sind.“
