Es ist längst bekannt, dass es sich lohnt, bei diesen Franzosen genau hinzuhören. Inzwischen sollte man aber auch genau hinschauen. Der behutsame Namenswechsel von Lost In Kiev zu LOST IN KYIV fällt nicht jedem sofort ins Auge, markiert jedoch einen bewussten Schritt in der Entwicklung der Band. Mit ihm einher gehen Veränderungen im Line-up und in der musikalischen Ausrichtung. „We’re All Going To Be Fine“ ist die erste Veröffentlichung mit Schlagzeuger Jérémie Legrand und der verstärkten Nutzung tieferer Tunings. Im Kern bleibt die Band ihren Wurzeln treu, doch in entscheidenden Details hat sich viel bewegt. Die Pariser Gruppe arbeitet weiterhin auf einem offen gehaltenen Feld zwischen Post-Rock, Post-Hardcore und Post-Metal, angereichert und strukturiert durch elektronische Elemente. Dieses Mal liegt der Fokus jedoch deutlicher auf härteren, düsteren Klanglandschaften und massiven Soundscapes. Inhaltlich erforschen LOST IN KYIV „die Zerbrechlichkeit der mentalen Gesundheit und der menschlichen Psyche sowie die Beziehung, die wir zu uns selbst haben“ – ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Gemessen an diesem Konzept überrascht „We’re All Going To Be Fine“ mit einer melodischen, cineastisch ausbalancierten Entwicklung. Die Kompositionen reichen tief, sind sorgfältig ausgearbeitet und entfalten ihre Wirkung oft in den Zwischentönen. LOST IN KYIV beherrschen das Spiel mit Kontrasten: rohe Wucht trifft auf fragile Atmosphäre, elektronische Sterilität auf organische Dynamik. Gerade diese Gegensätze verleihen dem Album seine emotionale Wucht. Mit „We’re All Going To Be Fine“ schlagen LOST IN KYIV ein neues Kapitel auf und präsentieren sich intensiver, kontrastreicher und aufwühlender als zuvor. Der Longplayer hinterlässt Eindruck, wirkt nach und zeigt eine Band, die sich neu definiert, ohne ihre Identität zu verlieren.
(Pelagic)
