ROME – The Hierophant

Von der ersten Sekunde an wird spürbar, dass man sich diesen Songs mit voller Aufmerksamkeit widmen muss. Jede Ablenkung würde dem abschließenden Werk des neuen Doppel-Albums von ROME nicht gerecht werden. Natürlich gilt dieser Anspruch im Grunde für sämtliche Veröffentlichungen der Luxemburger Formation – doch selten zuvor war er so zwingend wie hier. Die Gruppe um Kreativkopf und Sänger Jérôme Reuter präsentiert sich in einer stark reduzierten Form: minimalistisch, bedächtig, aber zugleich von einer eindringlichen Nachdrücklichkeit, die sich unaufhaltsam entfaltet. Diese Zurückhaltung ist kein Mangel, sondern ein bewusst gewähltes Stilmittel. Die fein austarierten Stimmungen, die ROME hier erschaffen, leben von Details, die oft erst beim zweiten oder dritten Hören ihre volle Wirkung entfalten. Besonders markant und prägend ist der Einsatz der Stimmen: vom getragenen Sprechen bis hin zum flüsternden Hauch, der einem immer wieder einen Schauer über den Rücken jagt und die Grenzen zwischen Intimität und Distanz verschwimmen lässt. „The Hierophant“ fungiert als Gegenstück zu „The Tower“ und richtet den Blick thematisch nach außen – oder vielleicht eher nach oben. Während „The Tower“ sich stärker auf das Irdische konzentriert, bewegt sich „The Hierophant“ am Rand des Transzendenten, so Jérôme Reuter. ROME selbst beschreiben das Werk „als eine Klangreise durch Trauer, Erkenntnis und mythische Befreiung: Gitarren, die wie verschleierte Gebete klingen, Texte, die an uralte Codices erinnern, und eine Atmosphäre, die spirituell, rituell und beinahe liturgisch anmutet.“ Eine treffendere Zusammenfassung lässt sich kaum finden. Die düstere Ruhe, die das Album durchzieht, besitzt etwas zutiefst Meditatives. Die bewusst gesetzten Wiederholungen wirken wie Mantras, die den Hörer allmählich in einen Zustand der Versenkung führen. Irgendwann beginnt man, sich auf einzelne Worte, Halbsätze oder aufblitzende Gedanken zu konzentrieren, die sich aus dem Klanggewebe herauslösen und eine eigene Bedeutungsebene eröffnen. Trotz der Schwere, die in vielen Momenten mitschwingt, ist „The Hierophant“ von einer subtilen, aber spürbaren Positivität durchzogen – ein leiser Zuspruch, ein vorsichtiger Optimismus, der sich nicht aufdrängt, aber beständig präsent bleibt. Was man letztlich in die fein akzentuierten, bewusst reduzierten Stücke zwischen Chanson Noir, Folk Noir und Neofolk hineinliest, bleibt jedem selbst überlassen. ROME liefern keine eindeutigen Antworten, sondern Räume, in denen sich Gedanken entfalten können. Sicher ist jedoch: Die Eindrücke, die dieses Album hinterlässt, verweilen lange – manchmal länger, als man es erwartet.

(Trisol)