Im Jahr ihres Band-Jubiläums bescheren ROME ihren Hörern nicht nur sorgfältig kuratierte Wiederveröffentlichungen, sondern auch ein neues, ambitioniertes Album-Epos: das Doppel-Werk „The Tower“ und „The Hierophant“. Nach zwei Jahrzehnten zwischen Chanson Noir, Folk Noir und Neofolk hat die Formation aus Luxemburg einen unverwechselbaren Klangkosmos geschaffen, der sich stetig weiterentwickelt, ohne seine charakteristische Handschrift zu verlieren. ROME bleiben sich treu – und wagen dennoch immer wieder neue Schritte in unbekanntes Terrain. Für das thematisch eröffnende „The Tower“ beschreibt Jérôme Reuter seinen Ansatz mit prägnanter Klarheit: „Ein Bollwerk gegen die Auflösung, ein Ort innerer Disziplin. Kein Rückzug, sondern Ausblick. Kein Ornament, sondern Form. Ein Werk, das nicht schreit, sondern trägt.“ Diese Worte sind nicht bloß poetische Selbstbeschreibung, sondern ein präziser Hinweis darauf, wie das Album funktioniert: als konzentrierter, bewusst entschleunigter Raum, der den Blick nach innen lenkt und zugleich eine Haltung nach außen formuliert. Musikalisch ist „The Tower“ geprägt von einer akustischen Präzision, die sich nie in den Vordergrund drängt. Die Instrumentierung ist reduziert, aber nicht karg; sie dient als tragendes Fundament für Texte, die unmissverständlich im Zentrum stehen. Jeder Ton wirkt gesetzt, jeder Klang hat Gewicht. Die Musik begleitet, stützt, rahmt – doch sie überlässt den Worten den Raum, den sie benötigen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Denn auf „The Tower“ geht es um große Fragen, um existenzielle Gedanken, um innere und äußere Orientierung. Ablenkung wäre hier fehl am Platz. Das Cover visualisiert diese Idee eindrucksvoll: Der Turm als Ort der Isolation, aber auch als Symbol für Verwurzelung und Standhaftigkeit. Ein Ort, an dem man tief in sich hineinhorcht, um herauszufinden, wo man steht – und wohin man gehen will. Reuter fasst es treffend zusammen: „„The Tower“ erhebt sich als Monolith der Sammlung.“ Ein Monolith, der fordert, der Widerstand leistet, der nicht sofort zugänglich ist. Und genau darin liegt seine Kraft. Diese Auseinandersetzung ist nicht immer bequem. Sie verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf ein Werk einzulassen, das mehr fragt, als es beantwortet. Das düster-wohlklingende Spiel der Luxemburger steht dabei in bewusstem Kontrast zu den schweren Themen, die es trägt. Doch gerade dieser Gegensatz von ROME eröffnet einen besonderen Zugang: Die Musik wirkt wie ein meditativer Filter, der den Geist entschleunigt und Raum schafft für Reflexion, für innere Bewegung, für das stille Nachdenken, das im Alltag oft keinen Platz findet. „The Tower“ ist damit ein Zustand, ein Prozess, ein Ort der inneren Prüfung. Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur hören, sondern erleben.
(Trisol)
