TEXTURES

Mit „Genotype“ melden sich TEXTURES eindrucksvoll zurück. Das Album bildet das konzeptionelle Gegenstück zu „Phénotype“ von 2016, nach dessen Veröffentlichung sich die Band zunächst auflöste. Doch statt alter Ideen präsentiert die niederländische Prog-Formation ein kompromissloses Comeback: komplett neu geschrieben, selbst produziert und mit frischer Energie versehen. Im Label-Programm von Kscope, wo auch Acts wie TesseracT oder The Pineapple Thief beheimatet sind, haben TEXTURES eine ideale Heimat gefunden. „Genotype“ vereint erzählerische Tiefe, cineastischen Bombast und die typischen Kontraste aus harten Riffs und atmosphärischen Passagen. Es ist ein Werk, das die Rückkehr der Band nicht nur markiert, sondern ihre Weiterentwicklung eindrucksvoll unterstreicht.

Auf die Aussage angesprochen, die Niederländer hätten sich zurückgezogen, weil ihre selbst empfundene Relevanz nachgelassen habe, erklärt Keyboarder Uri Dijk: „Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Als wir aufgehört haben, war es für einige Mitglieder einfach zu viel geworden. Fast die Hälfte der Band hatte gerade ihr zweites Kind bekommen, und die Branche verlangte längere und intensivere Tourneen. Das war schwer zu vereinbaren. Gleichzeitig arbeiteten wir noch an „Genotype“. Wir hatten das Gefühl, dass das Konzept stark war, doch das Label zwang uns, daraus zwei Alben zu machen. Eigentlich sollte es ein Doppel-Album sein, also eine einzige Veröffentlichung. Das empfanden wir als Rückschlag. „Phénotype“ war ein sehr aufwendiger Prozess – spannend, aber extrem anspruchsvoll. Einige von uns hatten den Eindruck, dass wir zu diesem Zeitpunkt alles gesagt hatten, was wir musikalisch mitteilen wollten. Nach dem Schreibprozess kam die Tournee, und obwohl wir bereits mit „Genotype“ begonnen hatten, fühlte es sich nicht mehr so an, als würde es das werden, was wir ursprünglich geplant hatten. In Kombination mit dem Stress einzelner Mitglieder entstand das Gefühl, dass es nicht das Beste werden würde, wenn nicht alle mit voller Energie dabei wären.“

Nach der zwischenzeitlichen Auflösung suchte Uri neue musikalische Wege und gründete mit Luuk Bos das Projekt Elodin: „Ich habe ein Musik-Projekt gestartet, das mir sehr wichtig war und völlig elektronisch geprägt ist. Ich habe mich schon immer für Synthesizer interessiert. Während meiner Zeit bei TEXTURES haben wir nie wirklich viel Geld verdient. Ich war damals noch Student am Konservatorium und lebte am Limit. Nach der Auflösung der Band hatten wir dennoch ein paar Ersparnisse, die mir ermöglichten, einige analoge Synthesizer zu kaufen. Ein enger Freund von mir war Dubstep- und Drum-and-Bass-Produzent sowie DJ – Luuk Bos. Er hatte seine Szene ebenfalls satt, also beschlossen wir, gemeinsam etwas Neues zu starten. So entstand Elodin, ein Projekt nur von uns beiden. Unser Genre nannten wir „Adventure Bass“. Im Kern erinnert es durchaus an TEXTURES: Progressive Elemente, Tempowechsel, ungerade Taktarten – nur tanzbarer.“ In diesem Kontext ist es spannend zu erfahren, was der Musiker als progressiv versteht: „Für mich bedeutet progressiv, mit Konventionen zu brechen oder sie auf neue Weise zu nutzen. Wenn man ältere Musik hört – etwa Queen oder Sting – findet man viele Tempowechsel und ungewöhnliche Taktarten. Vor einigen Jahrzehnten gab es weniger feste Regeln in der Pop-Musik, wodurch die Musik an sich progressiver war. Heute gibt es vielmehr Konventionen, die Stücke ähnlich machen. Der Versuch, sich davon zu lösen, ist für mich eine progressive Haltung, auch wenn es schon oft gemacht wurde. Außerdem sehe ich die Einbeziehung verschiedener Genres und Konzepte – etwa elektronische Musik oder genreübergreifende Ideen – als progressiv. Ungewöhnliche Taktarten, Polyrhythmen und eklektische Veränderungen innerhalb eines Songs gehören dazu. Das findet man auch im Jazz. Progressive Musik ist für mich aber vor allem innerhalb der Pop-Musik möglich. In der Schule lernte ich, dass Pop-Musik alles ist außer klassischem und traditionellem Jazz sowie traditioneller Volksmusik. Also von Hip-Hop über Metal bis hin zu Singer/Songwritern und Noise ist alles populäre Musik.“

Angesichts dieser Aussagen überrascht es nicht, dass Uri nach wie vor das Potenzial sieht, neuartige, progressive Musik zu erschaffen und zu entdecken: „Ja, das gibt es“, bestätigt er ohne zu zögern. „Aufgrund der schieren Menge an Musikern und Künstlern, die heute aktiv sind, ist es allerdings extrem schwierig. Ich sehe einige neue Konzepte, doch sie stammen meist aus dem Bereich der Technologie. Neue, leichter zugängliche Tools ermöglichen es, Dinge auszuprobieren, die früher nicht realisierbar oder sehr teuer waren. Künstlerisch betrachtet denke ich, dass fast alles bereits gesagt wurde und vieles heute nur Variationen oder Abwandlungen sind. Die Songs, die wirklich herausstechen, sind entweder sehr authentisch – ein guter Song, der berührt, auch wenn es ihn in ähnlicher Form schon gab – oder sie kombinieren zwei bestehende Konzepte auf clevere und spannende Weise.“ Sein persönlicher Blick auf andere Künstler zeigt, worauf er achtet: „Für mich ist es die Spannung in der Musik. Nicht ausschließlich Progressivität, sondern auch interessante und überraschende Song-Strukturen. Ich achte stark auf Sound-Design – Synthesizer und Produktionstechniken – aber geschmackvoll eingesetzt. All das sind Zutaten, die man übertreiben oder genau richtig dosieren kann. Persönlich mag ich Musik, die vom klassischen Minimalismus inspiriert ist, etwa von Steve Reich oder Philip Glass. Diese Einflüsse höre ich auch in der Musik von TEXTURES, in elektronischer Musik und bei einigen Bands aus unserem Umfeld. Ich mag harte Vocals durchaus, doch in den meisten Fällen interessieren mich klare Vocals mehr.“

Warum TEXTURES nun wieder aktiv sind, erklärt der Keyboarder so: „Damals haben wir versucht, uns selbst zu finden und unsere Grenzen zu erweitern. Doch viele Bands um uns herum begannen, das Gleiche zu tun – inspiriert von uns oder von ähnlichen Gruppen. Manche haben uns sogar überholt, vielleicht in der extremen Richtung: schnelleres Spiel, kompliziertere Taktarten. Für uns war es hilfreich, dass wir uns zwischenzeitlich getrennt haben. Wir sind musikalisch eigene Wege gegangen, als Menschen gewachsen und haben neue Erfahrungen gesammelt. Wenn man dann zurück ins Studio geht, ist es wie ein Neuanfang. Ich kann nicht mehr die gleiche Musik schreiben wie vor sieben oder zehn Jahren. Elektronische Musik hat mir sehr geholfen, neue Dinge zu entdecken. Besonders bei diesem Album haben wir aufgehört, die technisch beeindruckendste Band sein zu wollen. Stattdessen konzentrieren wir uns stärker auf das Songwriting und gehen zurück zu den Grundlagen. Manche Songs entstehen in einer halben Stunde – zunächst nur als Konzept mit einer Gesangslinie, einem Beat oder einer Akkordfolge. Daraus entsteht schnell ein Demo, und später kümmern wir uns um die Details. Unser Fokus liegt auf der Aufmerksamkeitsspanne des Songs und seiner Struktur. Wir versuchen nicht, möglichst viele Noten pro Sekunde unterzubringen. Das machen viele Bands, und es ist nicht schlecht, aber für uns fühlt es sich sinnlos an, damit zu konkurrieren.“

Nachdem er mit Elodin als Duo aktiv war, bringt die Sextett-Aufstellung andere Herausforderungen mit sich: „Die Arbeit mit einem anderen Musiker war für mich insbesondere aus zwei Gründen einfacher. Erstens hatten wir klar getrennte Aufgabengebiete: Ich kümmerte mich um Melodien und Harmonien, Luuk um Beats und Bass. Zweitens – und das ist wichtiger – war es ein neues Projekt ohne feste Vorstellungen, wie es klingen sollte. Diese Offenheit machte die Zusammenarbeit unkompliziert und kreativ. Bei TEXTURES ist es anders, denn nun erscheint unser sechstes Album. Bei der Arbeit haben wir die Frage im Hinterkopf, ob wir uns an bestimmte Dinge halten müssen, die wir früher gemacht haben, oder ob wir das einfach loslassen können. Eine weitere Herausforderung ist die Entfernung. Früher habe ich mit meinen Mitbewohnern gearbeitet, jetzt fahren wir regelmäßig zu unserem Gitarristen. Für dieses Album haben nur wir drei geschrieben: Stef, unser Schlagzeuger, Bart, unser Gitarrist, und ich. Die anderen Mitglieder haben Ideen beigesteuert, aber hauptsächlich in der Feinabstimmung. Für das Songwriting mussten wir mindestens einen Tag pro Woche einplanen, manchmal auch mehr. Das bedeutet: eineinhalb Stunden Fahrt, einige Stunden Arbeit, und wieder eineinhalb Stunden zurück. Das macht es schwieriger, als wenn jemand direkt gegenüber wohnen würde. Natürlich kann man auch online arbeiten, aber ich finde es schön, zumindest einen Teil des Prozesses gemeinsam im Raum zu erleben. Und ich mag die Herangehensweise, an einem Album zu arbeiten. Das zwingt uns, viel Musik zu schreiben und fertigzustellen. Im Gegensatz dazu könnte man auch einfach einen Song nach dem anderen schreiben und diese auf einer EP veröffentlichen. Das ist aber ein ganz anderer Prozess.“

Über Alben sagt Uri, dass gerade in der Progressive-Rock- und Metal-Welt viele Hörer am klassischen Format festhalten: „Das ist für uns Musiker gut, weil die Hörer aufmerksam sind, Zeit investieren und sich Gedanken machen – etwas, das in der Pop-Musik nicht selbstverständlich ist. Für mich ist Musik im Album-Format wertvoller, weil man eine richtige Geschichte erzählen muss und die Aufmerksamkeit der Zuhörer durchgehend fesseln sollte. Ob mir einzelne Songs oder ganze Alben mehr Spaß machen, hängt davon ab. Songs sind einfacher, weil man eine kleine Geschichte erzählen kann. Doch die Herausforderung, ein komplettes Album zu schreiben, ist spannend. Am meisten Freude habe ich jedoch an der Produktion und den Aufnahmen. Das Schreiben von „Genotype“ hat uns etwa anderthalb Jahre gekostet – eine enorme Arbeit, die viel Zeit verlangt. Wenn man endlich mit der Produktion und den Aufnahmen beginnt, kann man sich darauf konzentrieren. Ich habe mir zwei Monate frei genommen, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Aber das ist nicht immer möglich, und auch die anderen Band-Mitglieder können sich nicht wochenlang freinehmen. Wir sind keine Vollzeit-Band und haben auch nicht die Absicht, eine zu werden. Man muss also alles um den Tagesjob herum planen.“ Als TEXTURES wieder zusammenkamen und über ihr Comeback sprachen, stellte sich zunächst die Frage, ob altes Material erneut aufgegriffen oder komplett neu begonnen werden sollte. Der Keyboarder erinnert sich:

„Wir haben einige Konzepte überprüft. Ursprünglich hatten wir die Idee, das Album als einen langen Song zu gestalten und hatten fast eine halbe Stunde geschrieben, doch es war ein zu riesiges Projekt. In der heutigen Zeit von Spotify ist es extrem schwierig, so etwas zu veröffentlichen, weil alles zerschnitten wird und Singles erwartet werden. Es schien uns letztlich zu ambitioniert. Außerdem ist es schwer, an etwas weiterzuschreiben, das man vor sieben, acht oder neun Jahren begonnen hat, wenn sich die Denkweise inzwischen verändert hat. Einige Ideen haben wir übernommen, aber es fühlte sich insgesamt natürlicher an, ganz neu zu beginnen. Sonst wäre es wie eine Frankenstein-Konstruktion geworden. Über den Namen haben wir lange nachgedacht, doch die Fans fragten immer wieder nach „Genotype“. Also sind wir damit weitergegangen. In gewisser Weise hatten die Fans die Werbung schon gemacht, denn alle kannten den Namen des Albums bereits zehn Jahre, bevor es erschien.“ Die Frage, ob es das sechste Album oder ein zweites Debüt sei, beantwortet der Niederländer klar: „Ich mag die Idee eines zweiten Debüts, aber ich sehe es als unser sechstes Album. Zwischen „Dualism“ (2011) und „Phenotype“ (2016) lagen fast fünf Jahre, zwischen „Silhouettes“ (2008) und „Dualism“ vier Jahre. Es gab bei uns also schon immer größere Abstände – und auch immer wieder Wechsel in der Bandbesetzung.“ Dieses Mal jedoch nicht. Und weil einige Ideen des ursprünglichen „Genotype“ aufgegriffen wurden, reflektiert Uri auch seine persönliche Entwicklung als Musiker und Teil von TEXTURES, denen er seit 2010 angehört:

„Unser letztes Album vor der Trennung war technisch viel anspruchsvoller. Ich spreche für mich, aber auch für die anderen: Das Songwriting ist heute vielseitiger, mit schnelleren Stücken und mehr Facetten. Vielleicht wollten wir damals stärker zeigen, was wir spielerisch können. Heute geht es mir vor allem darum, reifer und fokussierter zu schreiben. Ob es am Älterwerden liegt, weiß ich nicht, aber ich empfinde das als Weiterentwicklung und habe das Gefühl, der Welt bereits gezeigt zu haben, dass ich viele Noten spielen kann, wenn es nötig ist. Das ist aber nicht immer zum Vorteil der Musik. Auf „Genotype“ haben wir viele Entscheidungen getroffen, die der Musik dienen. Es gibt weiterhin schnelle und schwere Parts, aber nur dort, wo wir das Gefühl hatten, dass sie gebraucht werden – nicht, um zu demonstrieren, was wir können.“ Die Produktion des Comeback-Werks hat die Band ebenfalls bewusst selbst in die Hand genommen: „TEXTURES war schon immer eine DIY-Band. Alle Alben wurden von unserem früheren Gitarristen produziert, sogar „Phénotype“, als er schon nicht mehr in der Band war“, erzählt der Musiker. „Dieses Mal habe ich mit Bart koproduziert. Er hat die gesamte Technik übernommen, außer den Synthesizern, die ich in meinem Studio eingespielt habe. Wir haben uns aber entschieden, „Genotype“ von jemand anderem mischen zu lassen. Forrester Savall hatte deshalb Einfluss auf die Produktion und den endgültigen Sound und viel von sich selbst eingebracht. Letztlich ist es immer auch eine Frage des Geldes. Einen Produzenten zu engagieren, kostet Zehntausende von Euro oder Dollar. Wenn wir es selbst machen können, warum sollten wir es nicht tun? Es ist günstiger und wir behalten die Kontrolle. Wenn wir das Gefühl gehabt hätten, nicht zu wissen, in welche Richtung wir gehen sollten, hätten wir jemanden anderen gefragt. Aber das kleine Stück Unsicherheit haben wir Forrester Savall überlassen.“

TEXTURES – Official Website