THE AMITY AFFLICTION

THE AMITY AFFLICTION bleiben ein verlässliches Kraftzentrum im modernen MetalCore. Seit 2003 liefert das Quartett aus Gympie druckvolle, emotional aufgeladene Songs, die Härte, Melodie und Eingängigkeit mühelos verbinden. Auch ihr neuntes Album „House Of Cards“ führt diese Linie fort: markante Kontraste, elektronische Akzente und ein weit geöffnetes Feld zwischen Pop-Punk-Anmutung und kompromissloser Wucht. Mit Neuzugang Jonathan Reeves, der Bass und Clean-Vocals übernimmt, wirkt die Band hörbar erneuert, ohne ihre DNA zu verlieren.

Auf die Frage, wie sich Reeves’ Einstieg auf den kreativen Prozess ausgewirkt hat, bleibt Frontmann Joel Birch sachlich: „Um ehrlich zu sein, hat sich nichts verändert. Dan (Brown – Gitarre) schreibt die Musik, ich die Texte. Die Melodien werden anschließend über meine Lyrics gelegt. Kurz bevor wir die „Summer Of Loud“-Tour beendet hatten, war die Musik fertig. Jonny hatte dann ein paar Wochen Zeit, sich einzuschließen und Ideen zu schicken, die er großartig umgesetzt hat. Am eigentlichen Prozess hat sich aber nichts geändert. Es ist eine Fortsetzung dessen, was wir immer getan haben. Nach all den Jahren ist jeder fest in seiner Rolle verankert, und Jonny hat sich da natürlich eingefügt.“ Dass die neue Stimmarchitektur – das bewusste Wechselspiel zwischen harschen und cleanen Vocals – so prägnant wirkt, führt der Frontmann sowohl auf den Neuzugang als auch auf eine länger gereifte künstlerische Entscheidung zurück:

„Auf dieser Platte wollten wir Jonny Raum zum Atmen geben. Lange Zeit haben wir jeden Moment unserer Songs extrem dicht gehalten, entweder mit vielen Worten oder mit konstanten Vocals. Davon wollten wir weg. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir ein neues Mitglied haben. Das zu ignorieren, wäre dumm. Gleichzeitig ist es die Richtung, in die Dan und ich ohnehin gehen wollten. Wir haben über Jahre immer wieder locker darüber gesprochen. „House Of Cards“ ist das Ergebnis all dieser Gespräche.“ Dass das Album wie ein Neustart wirkt, ist für den Musiker kein Zufall. Joel beschreibt einen Wendepunkt, der unausweichlich wurde: „Obwohl wir es nicht geplant hatten, mussten wir einen Sängerwechsel bewältigen. Die vorherige Situation war völlig unhaltbar. Wir standen vor der Wahl: entweder die Band verlassen – was ihr Ende bedeutet hätte – oder ein Risiko eingehen und versuchen, etwas Besseres zu erreichen. Jedes Album fühlt sich irgendwie von Erwartungen beschwert an, aber dieses hier fühlte sich so bedeutend an wie nichts mehr seit „This Could Be Heartbreak“ nach „Let The Ocean Take Me“. Die Veränderung hat uns definitiv neu belebt und zu einem Album geführt, auf das wir alle stolz sind.“

Besonders persönlich wird der Sänger beim Titel-Track und dessen familiären Hintergründen: „Ich habe mich nie davor gescheut, extrem intime Dinge zu schreiben, und diese Entscheidung damals schon vor „Youngbloods“ getroffen. Seit dem zweiten Album bewege ich mich im selben emotionalen Raum. Über meine Mutter zu schreiben, war kathartisch. Ich hatte und habe so viele Gedanken darüber, wie sie in meinem Leben existiert hat, und es war wichtig, sie aus mir herauszubekommen. Schon jetzt habe ich so viele bestärkende Begegnungen mit Menschen bei unseren Shows. Es macht mich glücklich, dass ich Dinge ausdrücken konnte, die anderen helfen. So wie andere Bands für mich über Jahre Dinge ausgedrückt haben, die ich selbst gefühlt habe. Musik ist etwas Wunderschönes.“ Beim Schreiben trennt Joel nicht zwischen Kunst und Selbstschutz:

„Gar nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich verspüre nie das Bedürfnis, diese beiden Dinge zu trennen. Es stimmt, dass ich über extrem persönliche und traumatische Erfahrungen schreibe, aber ist nicht unsere gesamte Existenz eine Ansammlung extremer und miserabler Erfahrungen? Das heißt nicht, dass es keine Schönheit gibt, aber ich fühle keinen Drang, in meinen Texten etwas zu verstecken. Im Alltag mache ich das schon genug. Da ich nicht auf Social Media lebe, bekommen die Leute nur das von mir, was ich in Interviews und Texten teile. Und Lyrics sind schön, weil man sie auf seine eigene Weise interpretieren kann. Oft erzählen mir Menschen, was bestimmte Songs für sie bedeuten. Kontextuell hat das meist wenig mit dem zu tun, was ich beim Schreiben meinte. Vielleicht gibt mir das eine Art mentalen Schutz? Beim Texten denke ich jedenfalls nie zu viel nach. Es ist ein reflexartiger, fast impulsiver Vorgang, der aus dem entsteht, was ich im jeweiligen Moment durchmache.“

Der Wiederaufbau, den THE AMITY AFFLICTION mit „House Of Cards“ betreiben, überzeugt in allen Belangen: „Wir versuchen definitiv, etwas von Grund auf neu aufzubauen. Das Umfeld innerhalb der Band war über Jahre toxisch, weshalb wir die alte Haut abstreifen. Es ist fast peinlich, das zu sagen, aber Band und Crew haben in den letzten Jahren komplexe zwischenmenschliche Traumata erlebt. Jetzt fühlt es sich an, als würden wir alle zum ersten Mal seit langer Zeit wieder tief durchatmen. Wir wollten ein hartes Album schreiben, ohne uns zu weit von unserem Kernsound zu entfernen. Jetzt erkenne ich, dass wir mehr Durchhaltevermögen haben, als ich dachte, und weiß zum ersten Mal seit ‚Let The Ocean Take Me‘ wieder klar, wohin wir musikalisch wollen.“

The Amity Affliction