ÁSGEIR

ÁSGEIR’s neues Album Julia markiert einen Wendepunkt: Zum ersten Mal hat der isländische Singer/Songwriter alle Texte vollständig selbst geschrieben und damit einen kreativen Raum betreten, der persönlicher, direkter und verletzlicher ist als alles zuvor. Die Stücke – meist auf der Gitarre entstanden – verbinden Schlichtheit mit emotionaler Tiefe und bewegen sich zwischen Rückschau und Aufbruch. Julia bietet Stücke der Selbstbefragung, der inneren Klärung und der leisen, aber entschlossenen Neuerfindung.

Der Isländer beschreibt den Moment, in dem er sich im Songwriting vollständig auf seine eigene Stimme einließ, wie folgt: „Es fühlte sich sehr gut und befreiend an, zum ersten Mal alles selbst zu schreiben. Ich habe mich über die Jahre langsam darauf vorbereitet, und diesmal war ich endlich bereit für die Herausforderung. Das Schreiben hat mir geholfen, bestimmte Dinge zu verarbeiten, aber es war auch ungewohnt, mich so zu öffnen. Gleichzeitig konnte ich viel stärker darauf achten, wie es sich anfühlt, die Worte zu singen – ob sie sich organisch in die Melodie fügen. Das geht manchmal verloren, wenn jemand anderes die Texte schreibt.“

Dass dieser Zeitpunkt genau jetzt gekommen war, erklärt er mit einem inneren Drang nach Veränderung: „Ich war bereit für etwas Neues. Mein kreativer Prozess hatte sich lange nicht verändert, und das fühlte sich nicht mehr aufregend an. Außerdem spielt Selbstvertrauen eine große Rolle. Davor hatte ich lange einfach Angst.“ Die Songs auf Julia wirken wie ein Dialog mit sich selbst; ein Prozess, der das Album thematisch geprägt hat: „Vieles entstand daraus, ehrlich zu mir selbst zu sein – über Dinge, denen ich lange ausgewichen war. Das Schreiben wurde zu einer Art innerem Check-in: Wo stehe ich? Wie fühle ich mich? Warum? Diese Gespräche haben den Ton und die Themen des Albums ganz natürlich geformt.“ Um den Kern der Songs freizulegen, entschied sich ÁSGEIR musikalisch für Reduktion: „Ich wollte mir selbst nicht im Weg stehen. Oft verliere ich mich in Details, die am Ende gar nicht wichtig sind. Diesmal habe ich mehr Zeit ins Schreiben investiert und weniger ins Ausproduzieren. Meistens klangen die Songs am besten, wenn sie reduziert und unverstellt blieben.“

Inhaltlich bewegt sich Julia zwischen Erinnerung und Zukunft: „Ich lasse mich stets von der Musik leiten. Sie entsteht zuerst und trägt ein bestimmtes Gefühl in sich, das mich zu den Texten führt. Indem ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe, wurde es leichter, wieder an die Zukunft zu denken. Etwas, das ich lange nicht getan habe.“ Etliche Songs thematisieren die Veränderlichkeit von Identität: „Wir eröffnen uns mehr Möglichkeiten, wenn wir uns nicht an ein festes Selbstbild klammern“, sagt ÁSGEIR. „Lange Zeit habe ich genau das getan – entweder an meiner eigenen Vorstellung festgehalten oder an der anderer. Darüber zu schreiben, ist ein Weg, mich selbst daran zu erinnern, das loszulassen.“

Dass viele Songs auf der Gitarre entstanden, prägte den Charakter des Albums entscheidend: „Es macht einen großen Unterschied, ob ein Song auf Gitarre oder Klavier beginnt. Am Klavier neige ich eher dazu, elektronische Elemente zu erkunden. Für dieses Album hatte ich mein Klavier verkauft, weil es nicht in meine neue Wohnung passte. So entstand alles auf der akustischen Gitarre.“

Ásgeir

photo credit: Einar Egils