BODYSNATCHER haben sich mit „Hell Is Here, Hell Is Home“ endgültig an einen Punkt vorgearbeitet, an dem ihre Musik nicht mehr nur Ausdruck von Wut ist, sondern ein ganzes Weltbild formt. Der Deathcore wirkt wie ein finsterer Spiegel einer Realität, die sich zunehmend selbst zerlegt. Das Quartett aus Florida legt ein Werk vor, das die dystopischen Tendenzen unserer Zeit nicht nur kommentiert, sondern sie in Klang verwandelt. Vergeltung, Selbstbehauptung und der unerschütterliche Wille, sich nicht unterdrücken zu lassen, bilden das
Fundament eines Albums, das kompromisslos, extrem und zugleich überraschend eingängig bleibt. Die Band aus Melbourne hat ihre eigene Sprache extremer Härte gefunden und sie spricht sie hier mit einer Präzision, die selbst für ihre Verhältnisse außergewöhnlich ist.
Schon die vorangegangene EP „Vile Conduct“ deutete an, wohin die Reise gehen würde. Doch erst in der Phase zwischen dieser Veröffentlichung und dem neuen Album kristallisierte sich heraus, wie radikal BODYSNATCHER ihren Sound weiter zuspitzen wollten. Schlagzeuger Chris Whited beschreibt diese Zeit als entscheidenden Katalysator: „Die letzte EP ist genau so geworden, wie wir immer klingen wollten, und das hat uns wirklich inspiriert, diesen Longplayer zu schreiben. Vor allem, weil wir wussten, dass wir wieder mit Will Putney zusammenarbeiten würden. Es führte kein Weg daran vorbei, dass wir die Band noch aggressiver klingen lassen mussten.“ Diese Rückbesinnung auf die eigene Identität führte dazu, dass die Musiker im Studio schnell spürten, dass sie ihrem Ideal näherkamen als je zuvor. Die Arbeit mit Produzent Will Putney, der bereits das MNRK-Debüt „Bleed-Abide“ betreut hatte, gab ihnen das Gefühl, in vertrautem, aber herausforderndem Terrain zu arbeiten. Der Schlagzeuger erinnert sich an einen Moment, der wie ein Startschuss wirkte: „Das
war ungefähr eine Woche nach Beginn des Studio-Prozesses. Nachdem wir die Demos wirklich auseinandergenommen und die Songstrukturen finalisiert hatten, konnten wir die Aggression spüren und begannen, an den Texten zu arbeiten.“
Diese blanke ungeschminkte Brutalität ist nicht nur musikalisch spürbar, sondern auch thematisch. Die Intensität und Durchschlagskraft von „Hell Is Here, Hell Is Home“ wirkt noch fokussierter, die emotionale Schwere unmittelbarer. BODYSNATCHER kultivieren einen Sound, der zwischen Slam-Death, Beatdown, Deathcore und Metalcore pendelt und dabei stets vernichtend hart bleibt. Doch diese Härte ist kein Selbstzweck. Sie ist Ausdruck eines inneren Drucks, der sich in den Texten entlädt und die Band zu einem der kompromisslosesten Acts ihres Genres macht. Chris beschreibt, wie persönliche Erfahrungen und universelle Konflikte ineinandergreifen: „Dieses Album enthält Texte, die in manchen Songs aus persönlichen Erfahrungen stammen, und in anderen Songs aus breiteren Szenarien, mit denen sich unserer Meinung nach ein Großteil der Welt identifizieren kann. Durch das gesamte Album zieht sich ein starkes Gefühl von Vergeltung.“ Dass diese Rachegelüste nicht aus dem Nichts kommen, zeigt der Blick auf die Gegenwart. Die Welt, die BODYSNATCHER beobachten, ist eine, die sich selbst zerfleischt, was über die Spielzeit des Albums hinweg als thematische Klammer auftaucht. Der Musiker formuliert es drastisch: „Wenn wir uns die Welt anschauen, in der wir heute leben, ist es
so schwer, die zerstörerische Seite der Menschheit zu übersehen. Es fühlt sich fast an, als wäre dies die buchstäbliche Hölle.“
Diese Wahrnehmung prägt die Atmosphäre von „Hell Is Here, Hell Is Home“ und erklärt, warum die Songs so konfrontativ wirken. Die Band wollte die Wut nicht nur darstellen, sondern spürbar machen. Dieser Anspruch manifestierte sich bereits im Schreibprozess, wie der Schlagzeuger erzählt: „Als wir mit dem Schreiben der Texte begannen, sprachen wir mit Will Putney, und er meinte, dass die Songs wütend klingen und dass Menschen, wenn sie BODYSNATCHER hören, Wut fühlen wollen. Also haben wir aus dieser Haltung geschöpft und versucht, genau für dieses Gefühl zu schreiben.“ Damit diese kompromisslose Aufladung nicht in hermetischen Bildern stecken bleibt, setzt die US-Gruppe auf Offenheit und Übertragbarkeit: „Anstatt die Szenarien auf diesem Album super spezifisch zu machen, haben wir Themen entwickelt und versucht, sie breiter zu formulieren, damit mehr Menschen sie auf ihre eigene Weise hören und sich damit identifizieren können.“ Gleichzeitig bleibt das Schreiben für die Musiker ein Akt der Katharsis und ein Ventil, das sie im Alltag selten nutzen: „Es bedeutet mir sehr viel, besonders in den Songs ‚Survive Or Die‘ und ‚May Your Memory Rot‘, weil ich nicht mit vielen Menschen über die Dinge spreche, die ich im Leben durchgemacht habe. Sie stattdessen in
Songform aufzuschreiben, hilft mir emotional jedoch enorm.“
Dass „Hell Is Here, Hell Is Home“ mit einem besonders wilden Track beginnt, passt zu dieser Haltung. Der Opener ,The Maker‘ wirkt wie ein Schlag ins Gesicht und stellt einen Einstieg dar, der keine Zweifel aufkommen lässt, was die Stunde geschlagen hat: „Der Song startet einfach so schnell und so aggressiv, dass wir, sobald wir ihn fertig gehört hatten, wussten: Das ist der perfekte Opener des Albums.“ Alle zehn Stücke greifen nahtlos ineinander und funktionieren als bitterböse Einheit. Der Gastauftritt von Scott Vogel (Terror) im Song ,Survive Or Die‘ verleiht diesem eine zusätzliche Schärfe. Chris beschreibt, wie spontan solche Features entstehen: „Gastbeiträge sind nichts, was wir im Voraus planen. Als wir den Part in ‚Survive Or Die‘ hörten, sagten wir: ‚Verdammt, das wäre krank, wenn Scott Vogel hier drauf wäre.‘ Jetzt ist es einer unserer Lieblingssongs auf dem Album.“ Diese organische Arbeitsweise spiegelt sich auch in der musikalischen DNA der Band wider. Die musikalischen Wurzeln des Schlagzeugers reichen tief in die Hardcore-Szene Südfloridas zurück; ein Umfeld, das ihn nachhaltig geprägt hat: „2002 begann ich damit, Shows zu spielen und zu besuchen. Die Angst und Anspannung, bei einer dieser Shows ernsthaft verletzt zu werden, war genau das, was
mich immer wieder zurückkommen ließ.“ Diese Energie überträgt sich bis heute auf seine Band BODYSNATCHER: „Wir wollen Aggression, wir wollen Wut, wir wollen Mosh und wir wollen, dass die Leute Spaß haben und sich gleichzeitig lyrisch verbunden fühlen.“
Trotz aller Weiterentwicklung bleibt auf „Hell Is Here, Hell Is Home“ weiterhin eine einheitliche Ausrichtung erkennbar: „Der rote Faden ist, dass diese Band immer eine Heavy-Band sein wird. Wir werden niemals ein Album veröffentlichen, das nicht voller Heaviness steckt.“ Dass diese Heaviness für manche Hörer auch eine Form von Stärke oder Klarheit bedeuten kann, sieht Chris als natürlichen Effekt: „Wenn du dich mit den Texten identifizieren kannst, stärkt dich das automatisch mental.“ Die Herausforderung, persönliche Schmerzen auszudrücken und gleichzeitig derb zugänglich zu bleiben, löst die Band durch thematische Offenheit: „Wir haben versucht, die Themen, die uns persönlich wichtig sind, breiter zu formulieren, damit die Hörer sie auf ihre eigene Weise aufnehmen können.“ Am Ende war der Entstehungsprozess von „Hell Is Here, Hell Is Home“ auch eine Lektion in Ausdauer; ein Gedanke, der die kämpferische Grundhaltung des Albums perfekt widerspiegelt: „Egal was passiert – selbst wenn es sich unmöglich anfühlt, etwas noch Heftigeres zu schreiben – mach einfach weiter, immer und immer wieder. Irgendwann klickt es, und alles fällt an seinen Platz.“
Bodysnatcher Official Merchandise
Picture credit: Alyssa Morea
