Mit „Pint Peddla“ legt das Kölner Quintett ein Album vor, das rohe Energie, Humor und Haltung zu einem wuchtigen Gesamtpaket verdichtet. Die Band bleibt ihrem dreisprachigen DIY-Hardcore-
Punk treu, mischt Ernsthaftes mit Ironie und zeigt erneut, wie kompromisslos und lebendig Individualität klingen kann.
Gefragt nach den Gedanken und Erfahrungen, die die neuen Songs geprägt haben, erklärt Frontmann Bierbaron Ben, dass vieles aus dem Alltag stammt – aus Beobachtungen, Diskussionen im Proberaum und aus dem, was ihn persönlich umtreibt: „Die neuen Lieder sind von alltäglichen Sachen geprägt, über die wir uns oder ich mir Gedanken mache“, sagt er. Politische Entwicklungen wie Deutschlands Rolle als kriegsführende Nation fließen ebenso ein wie existenzielle Überlegungen: „Der Mensch wird nackt geboren und geht nackt wieder ins Bett.“ Auch scheinbar Banales wie Rauchen findet seinen Platz – etwa in ,Hecke‘, das die Absurditäten wechselnder Legalität kommentiert. Mit „Pint Peddla“ widmet sich die Band vor allem einer Leidenschaft: dem Fahrradfahren. Für GEBRETTER ist Radeln Freiheit, Trotz und Lebensgefühl: „Hauptsache fahren, Spaß haben und nach Hause kommen“, fasst der Sänger zusammen. Musikalisch lehnt sich der Song an TURBONEGRO an, während Bierbaron Ben auf seinem „apokalyptischen Drahtesel“ unterwegs ist – ohne Helm, versteht sich. Gesellschaftliche Beschleunigung und digitale Überforderung tauchen in ,Chat GBH‘ auf, historische Bezüge in der Auseinandersetzung mit den Edelweißpiraten. Aus einem Spottlied über die Hitlerjugend wurde ,Porzellansyndrom‘ – „eine
Verarsche der deutschen Wehrmacht oder generell einfach an alle Armeen“, wie Ben betont. Und dann ist da ,Yupp‘, entstanden aus dem Ärger über einen Nachbarn, der früher mitfeierte, heute aber Clubs wegen Lärm schließt: „Fuck you, unsere Kinder mögen Bass!“
Auf die Frage nach der kompromisslosen Direktheit der Stücke antwortet der Frontmann: „Unsere Texte sind ein wilder Mix aus Deutsch, Englisch und Kölsch.“ Für manche wirr, für die Band jedoch Ausdruck von Klarheit: „Die Botschaft sollte schon klar sein und verständlich rüberkommen.“ Der Album-Titel ergab sich fast von selbst: „Der Song und der Titel gefiel uns gut, die Message passte.“ Was GEBRETTER ausmacht, beschreibt Bierbaron Ben mit gewohntem Humor. Die Band sei ein „wild zusammengewürfelter Haufen“, aber im Punk-Rock vereint. Er selbst kommt aus Elektro- und Ragga-Formationen, liebt Breakcore und Jungle Punk. Der Bassist produziert Trip-Hop, der Gitarrist spielt Indie, der Schlagzeuger hört alles, und die Gitarristin – „Klasse 80er DJane! aka Turbine“ – bringt ihre eigenen Einflüsse ein: „We love music and as long as you are no Asshole, we will listen to your music.“ Humor ist dabei zentral: „Wer nicht über sich selbst lachen kann, darf auch nicht über andere lachen.“ Köln prägt die Gruppe ebenfalls stark: „Drei von uns sind in Kölle jeboore“, sagt der Sänger, die anderen leben seit über zwanzig Jahren dort. Die Verbundenheit zur Szene ist tief, und GEBRETTER haben selbst ihren Teil dazu beigetragen, sie mitzugestalten. Kölns Selbstbewusstsein, die eigene Schönheit zu besingen, teilt die Band zwar nicht vollständig, doch die Stadt färbt ab, besonders im
Karneval: „Vier Tage Anarchie für uns.“ Der legendäre „Bassneval“ im Gebäude 9 bleibt unvergessen. Und so ruft Ben ein dreifaches „antifaschistisches, antisexistisches und flintafreundliches GEBRETTER-Alaaf!“
Der Songwriting-Prozess beginnt meist beim Schlagzeuger Max: „Er kommt mit ein paar neuen Liedern zur Probe“, erzählt der Bierbaron. Die Band sortiert, schrammelt, nimmt Rough-Versionen auf und verändert zunächst wenig: „Dann schmuggeln die Gitarrenfraktion und der Bassmensch nach und nach Melodien und Sperenzien in die Songs.“ Texte entstehen entweder im Voraus oder direkt im Proberaum: „Meistens entstehen sie direkt zu dem Beat, dem Sound, dem Rhythmus.“ Mit der Zeit habe die Band ein immer besseres Gefühl dafür entwickelt, was funktioniert: „Team GEBRETTER: move as a team, never move alone.“ Live schließlich entfaltet sich die volle Wucht der Band. Ben weiß, dass seine Aussagen anecken können: „Sollen sie auch.“ Diskussionen nach Konzerten nimmt er gerne an – „bei genug Bier, Mate und Wein“. Provokation ist für ihn ein Werkzeug: „Wake up Sucker!“ Wenn
die Spielzeit knapp ist, wird das Set durchgeballert, doch der Sänger liebt es, zu reden: „Ich finde es wichtig, dass die Leute wissen, worum es geht.“ Sollte es der Band zu lang werden, gibt es ein klares Signal: „Dann zählen die den nächsten Song an und es wird gebrettert! 1 2 3 VIER!“
Die Verbindung von politischer Haltung und Humor ist für GEBRETTER ein zentrales Element. Der Frontmann formuliert es deutlich: „Diese Frage können wir mit einem klaren JA beantworten.“ Die Band lache gerne, sei aber ebenso ernst, wenn es um soziale Missstände, persönliche Themen oder politische Entwicklungen geht: „Nur sprechenden Musikern kann geholfen werden“, sagt er – ein Prinzip, das sie auch ihren Kindern vermitteln. Humor ist dabei kein Beiwerk, sondern Methode:
„Es ist wichtig, alles zusammenzuführen und auf eine korrekte Weise mit einer ordentlichen Portion Humor zu präsentieren. Kill them with kindness!“
Zur aktuellen Hardcore-/Punk-Szene in Deutschland hat Bierbaron Ben eine klare Einschätzung: „Die Szene bekommt gerade einen sehr angenehmen frischen Wind.“ Alte Bands kehren zurück, Deutschpunk erlebt ein Revival, Straight Edge und Hardcore wachsen, elektronische Einflüsse nehmen zu: „Wir zählen vom Alter her zu den Alten, ha ha, aber spielen gerne mit noch älteren, jüngeren – nur die Einstellung muss stimmen.“ Genre-Grenzen lehnt die Band ab: „Es muss keine einengende Schublade sein.“ Gleichzeitig sieht der Frontmann Herausforderungen: aufgebene Clubs, bedrohte Jugendzentren, ein politischer Rechtsruck: „Das Sterben muss verhindert werden! Der Rechtsruck
muss bekämpft werden.“ Für GEBRETTER ist klar: „We want to meet you all and fight the power.“ Was die Band mit dem neuen Album erreichen will, fasst Bierbaron Ben kämpferisch zusammen:
„„Pint Peddla“ ist eine Ansage von fünf netten Personen aus Köln.“ Die westliche Welt solle sich nicht in ihren Privilegien ausruhen: „Macht das Maul auf und setzt euch ein für euren Willen. Sagt etwas, wenn es euch nicht passt oder wenn wieder jemand einen läppschen Nazispruch raushaut.“ Für GEBRETTER ist klar: Es ging uns lange gut, jetzt heißt es wieder aufstehen: „Lebt euer Leben im Respekt anderen gegenüber, aber lasst euch nicht vom Licht der ganzen E-Scooter und Xenon-Heckleuchten blenden.“ Und am Ende steht eine Haltung, die das gesamte Album durchzieht: „Fuck war and fascism. For a better world in unity.“
Credit Live Pictures: Thomas Sieverding
Credit Band Pictures: Scene Police
