Als „Esoterik“ bezeichnet man gemeinhin Lehren, Praktiken oder Weltanschauungen, die nur einem eingeweihten, abgeschotteten Kreis zugänglich sind. Übersetzt man dies mit „verborgenem“ oder „innerem“ Wissen, nähert man sich unweigerlich dem an, was BONG-RA auf diesem Album entfesseln. Jason Köhnen – bekannt von The Lovecraft Sextet, The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble und Celestial Season – betreibt sein Solo-Projekt als hermetisches Klanglabor, in dem er sämtliche kreativen Prozesse selbst kontrolliert, von der Komposition bis zum finalen Mastering. Nur wenige ausgewählte Gäste durchbrechen diese Isolation. Sein vierter Longplayer umfasst fünf ausladende Kompositionen, die wie monolithische Gebilde aus einer anderen, feindseligen Sphäre wirken. Sie kultivieren eine musikalische Dunkelheit, die nicht einfach nur düster ist, sondern sich wie ein kalter, schwerer Nebel über den Hörer legt. Nichts daran wirkt abstoßend im klassischen Sinne, vielmehr entfaltet sich eine unheimliche, magnetische Sogwirkung. Stück für Stück wird man tiefer in einen Strudel aus Ohnmacht, Bedrohung und klanglicher Brutalität gezogen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Musik wirkt wie ein Ritual, das man nicht versteht, aber dennoch unfreiwillig durchlebt. Köhnen selbst verweist darauf, dass „Esoterik“ den direkten Vorgänger „Black Noise“ mit neu interpretierten Elementen seiner Frühwerke „Antediluvian“ (2018) und „Meditations“ (2022) verknüpft. Doch angesichts der ohnehin destruktiven, beunruhigenden Soundscapes zwischen Industrial, Doom, Black Metal, Noise und Breakcore/Jungle sucht man kaum nach Wiedererkennungswerten. Man ist viel zu sehr damit beschäftigt, die akute Bedrohungslage zu verarbeiten, die diese Musik erzeugt: ein Gefühl, als würde man durch verlassene und dunkle Industriehallen irren, in denen jede Maschine noch ein Eigenleben führt und jeder Schatten zu pulsieren scheint. Das experimentelle, Unruhe stiftende Vorgehen von BONG-RA entfaltet eine beklemmende Intensität. Die Stücke wirken wie Klangarchitekturen, die bewusst darauf ausgelegt sind, Orientierung zu entziehen und den Hörer in eine Welt zu stoßen, in der nichts vertraut ist. „Esoterik“ ist dann auch kein Album, das man konsumiert. Es ist ein unheilvolles Erlebnis, das sich aufdrängt, bedrängt und nachhallt. Ein Werk, das die Grenzen zwischen Musik, Bedrohung und metaphysischem Unbehagen verschwimmen lässt.
(Debemur Morti/Soulfood)
