LEX LEGION

Die Idee, die schließlich zu LEX LEGION führte, reifte über Jahre – einer Band, in der sich vier ehemalige Weggefährten von King Diamond erneut zusammentun, um den Geist des klassischen Hardrock/Heavy Metal der 1980er Jahre in zeitgemäßer Form wieder aufleben zu lassen. Mit Nils K. Rue von Pagan’s Mind als Sänger und einem kreativen Fundament, das tief in der gemeinsamen Vergangenheit verwurzelt ist, präsentiert sich das Debüt-Album als kraftvolle, moderne Hommage an eine Ära, die die Beteiligten selbst geprägt haben.

Zu Beginn des Gesprächs mit Schlagzeuger Mikkey Dee (ex-Motörhead) geht es jedoch erst einmal um etwas Alltägliches: die Sprache. Auf die Frage, ob er nach all den Jahren mit den Scorpions eigentlich Deutsch spreche, antwortet der Musiker: „Nein, tue ich nicht. Ich sage immer, dass ich es nicht kann.“ Gleichzeitig fügt er lachend hinzu: „Aber ich verstehe inzwischen mehr, als sie denken.“ Mit Blick auf die debütierenden LEX LEGION wird aufgrund der prominenten Besetzung immer wieder von einem All-Star-Projekt gesprochen. Der Schwede relativiert: „Es ist eine brandneue Band. Die Leute können uns nennen, wie sie wollen, das ist uns egal. Wir vier von King Diamond kennen uns seit sehr langer Zeit. Es ist fast 40 Jahre her, dass wir zusammen gespielt haben. Es fing damit an, dass Pete (Blakk/Gitarre) mit ein paar Riffs zu mir kam. Er und Andy (La Rocque/Gitarre) schreiben seit 2008 immer mal wieder Riffs. Pete spielte mir zwei davon und fragte, was ich davon halte. Und ich sagte: ,Verdammt großartig, Pete, lass uns was damit machen.‘ Dann habe ich Andy und Hal (Patino/Bass) angerufen. Da wir vier Bock hatten, haben wir die Band gestartet. Und natürlich wollten wir sofort loslegen. In Nils (K. Rue von Pagan’s Mind) fanden wir den perfekten Sänger für das, was wir suchten: jemanden mit einer großen Range und Persönlichkeit in der Stimme. Er sollte ja nicht wie King Diamond klingen, sondern einfach ein starker, charaktervoller Sänger sein. Mit Nils haben wir den perfekten Mann gefunden.“

Während andere Musiker die Corona-Zeit für lange geplante Herzensprojekte genutzt haben, ist für LEX LEGION erst jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um durchzustarten: „Nun, ich bin mit den Scorpions sehr beschäftigt“, erklärt Mikkey. „Die Corona-Zeit haben wir genutzt, um das Album „Rock Believer“ zu machen. Damals war ich hier in Deutschland. Bevor ist schließlich ins Studio durfte, war ich genau in diesem Hotelzimmer hier in Quarantäne.“ Diese Phase mit ihren Einschränkungen hat seinen Blick aufs professionelle Musikerdasein nicht verändert: „Nein, überhaupt nicht.“ Was er über sich selbst gelernt habe, beschreibt er humorvoll: „Ich habe gelernt, dass es 21 Schritte von der einen Wand zur anderen sind. Ich bin eine Woche lang hin- und hergelaufen. Was habe ich gemacht? Netflix geschaut, geschlafen, bin aus dem Fenster geklettert und aufs Dach, um Sonne zu bekommen. Das wussten sie nicht. Aber eigentlich war es gar nicht so viel anders, denn auch auf Tour bist du oft allein in solchen Zimmern. Es war also nicht so schlimm.“

Am ersten Album von LEX LEGION arbeiten die Musiker seit etwa zwei Jahren: „Immer wenn ich Zeit hatte, haben wir Songs geschrieben und aufgenommen“, erzählt der Schwede. „Andy und Pete fragten ständig: ,Wann kannst du wieder aufnehmen, Mikkey?‘ Und ich sagte: ,Vielleicht in drei Monaten, dann schaffe ich zwei oder drei Songs.‘ So haben wir das Album Stück für Stück zusammengesetzt. Und ich habe die alte Motörhead-Familie wieder zusammengebracht: Todd Singerman, unseren alten Manager, dieselben Leute fürs Booking, Scott Givens und MNRK Music sowie Berry Drinkwater für Merchandise. Alles Leute aus der Familie, die wir seit vielen Jahren kennen. Diese Band soll ohne Ego funktionieren. Kein Bullshit. Nur Freunde. Fünf Freunde, die Musik schreiben wie in den frühen bis mittleren 1980ern, aber mit modernem Touch.“ Die gleichsam charismatische wie angenehme Stimme von Frontmann Nils trägt dazu bei, dass LEX LEGION für breite Hörerschaften kompatibel scheinen: „Er hat eine tolle Persönlichkeit in seiner Stimme“, stimmt der Schlagzeuger zu. „Und er besitzt ein gutes Gespür – in Schweden sagen wir Fingerspitzengefühl – wann er stimmlich hochgehen muss, wann runter. Die Dynamik stimmt. Geoff Tate von Queensrÿche besitzt diese Fähigkeit ebenfalls, und dafür schätze ich ihn. Oder auch Ian Gillan von Deep Purple, der konnte schreien wie ein Wahnsinniger und trotzdem wunderschöne Melodien singen. Nils passt nicht nur deshalb perfekt zu uns. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es noch etwas dauern wird, bis Nils völlig in der Band akklimatisiert ist, aber das ist völlig normal. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich bei den Scorpions richtig angekommen war. Du kommst in eine Band, die seit 50 Jahren existiert, da kannst du nicht reinlaufen und sagen: ,Macht das so oder so.‘ Man gibt und nimmt. Und so ist es auch für Nils.“

Zur Chemie innerhalb der Gruppe erzählt Mikkey: „Sie ist fantastisch und besser, als ich gehofft hatte. Vier kannte ich ja schon, aber bei einem neuen Sänger weiß man nie. Ich hoffte, dass er kein verdammtes Arschloch ist, was zum Glück auch nicht der Fall ist. Wir können LEX LEGION nicht mit einem Ego zerstören. Wenn jemand sagt: ,Ich mache das nicht‘, dann: ,Geh nach Hause.‘“ Als Gegenentwurf zu modernen Extrem-Kapellen und deren komplexem Songwriting ist die neue Gruppe mit ihrem Storytelling-Songwriting gleichwohl nicht intendiert: „Ich erinnere mich daran, wie ich selbst mit 15 oder 20 Jahren war“, überlegt der Schlagzeuger. „Wenn du damals Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Led Zeppelin gefragt hättest, was sie von King Diamond halten, hätten die gesagt: ,Die sind verrückt, die wechseln ständig die Takte.‘ Und sie hätten sicherlich gedacht, dass wir es schon noch lernen werden. Und hier bin ich jetzt Jahrzehnte später und weiß, dass weniger mehr ist – viel mehr. Wenn man jung ist, will man Romário auf dem Fußballfeld sein oder Klinsmann. Man will der Beste sein. Als junger Musiker braucht man diesen Antrieb. Aber je länger man spielt, desto mehr Reife und Routine bekommt man, und man lernt, Musik anders zu lesen. Es ist völlig natürlich, dass man heute anders über Gitarren-Riffs denkt. Wenn ich mit 15 Jahren ein Riff hörte, dachte ich auch noch, dass ich dazu etwas Kompliziertes machen müsste. Deshalb finde ich junge Bands immer interessant, sie haben einen anderen Blick. Wenn sie 30 oder 40 Jahre durchhalten, werden auch sie anders klingen. Sie müssen alles durchmachen, was wir bereits durchgemacht haben. Wir wollen heute schlicht etwas anderes machen.“

An musikalischen Eindrücken mangelt es nicht: „Nein, überhaupt nicht“, bestätigt Mikkey Dee. „Ich lasse mich von allen möglichen Musikrichtungen inspirieren, höre Jazz, Fusion, Pop und Techno. Manchmal hat Techno großartige Beats, kraftvolle Rhythmen und verrückte Ideen. Natürlich höre ich auch Heavy Metal, aber auch schwedische Volksmusik. Ich mag es, sehr breit aufgestellt zu sein.“ Hier lässt sich ein Bogen zu LEX LEGION schlagen, die ebenfalls offen angelegt sind und klingen: „Je öfter man es hört, desto mehr wachsen einzelne Songs, weil man immer wieder neue Dinge entdeckt“, freut sich der schwedische Musiker. „Ich bin davon überzeugt, dass viele junge Leute, die zu den Zeiten, als wir unsere King Diamond-Alben gemacht haben noch nicht einmal geboren waren, unser Debüt mögen werden. Es ist toll, dass Teenager heute wieder Vinyl kaufen und Sachen aus den 1960ern, 70ern oder 80ern hören. Wir verbinden das in unseren Songs mit einem modernen Anstrich. Das vergleiche ich gerne mit Motorrädern: Kawasaki baut heute eine Replika der 900er von 1975. Es ist ein modernes Motorrad mit modernem Motor und moderner Federung. Wenn du die echte ’75er fährst, ist sie ein Stück Scheiße und unbequem. Aber sie sieht wunderschön aus, wie Motorräder damals eben aussahen.“ Das Quintett bietet eine eindrückliche musikalische Erfahrung, die es ganz bewusst nicht steuern will: „Das Label fragte nach einem Album-Titel. Uns ist LEX LEGION genug.“ Das Cover, dass die Musiker und Logo zeigt, folgt einer ähnlichen Überlegung: „Im Fernsehen habe ich vor einiger Zeit einen Effekt gesehen, wo Gesichter quasi „weggeblasen“ wurden. Darauf habe ich die Idee entwickelt: Das Logo sollte in der Mitte stehen und ein bisschen aus dem Cover herausragen. Vorne sieht man ganz normal unsere Gesichter. Doch wenn man das Ganze umdreht, sieht man die Rückseiten unserer Köpfe und das Logo ist von hinten hineingedrückt, als hätte man es durch unsere Köpfe gepresst. Es ist gespiegelt, wirkt dunkel und schwer. Und es ist anders. In jedem Fall wollten wir keine Burgen, keine Wikinger, keine Schwerter und keine Grabsteine, aber es sollte trotzdem dunkel sein.“

Die Ästhetik sei bewusst Metal-typisch, aber ohne Klischees: „Ja, absolut“, stimmt Mikkey zu. Zur Entstehung des Albums sagt er: „Wir hatten Riffs, und ich bin zu Andys Studio gefahren, das 45 Minuten südlich von Göteborg liegt. Pete wohnt eine Stunde entfernt. Wir drei leben quasi in einem Dreieck, während Nils und Hal in Norwegen vier Stunden weit weg sind. In Andys Studio sind wir drei jeden Song durchgegangen. Ich habe ihnen vorgespielt, Pete und Andy mir, aber wir waren nie zu fünft in einem Raum zum Proben.“ Erst wenn es Gigs geben wird, werde man gemeinsam proben, aber das sei fest geplant. Die Zeit, um mit einer Hardrock- bzw. Heavy Metal-Band durchzustarten, scheint perfekt: „Es ist wie beim Klima: Es wird wärmer, es wird kälter. Es kommt und geht“, erwidert der Schlagzeuger. „Genauso ist es mit Musik. Die junge Generation heute – ich rede von 15- bis 25-Jährigen – hat wieder ein großes Interesse an richtiger Musik und an Vinyl. Mein jüngster Sohn ist 23 und kauft Platten von Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Fleetwood Mac und anderen älteren Bands. Die junge Generation entdeckt gerade die Musik, die ihre Eltern gehört haben. Und außerdem: Hard Rock und Heavy Metal sind so großartige Musik-Formen, dass sie niemals sterben werden.“ LEX LEGION steigen mit ihrem ersten Album also auf einem Wellenkamm der Popularität ein: „Ich erinnere mich an die 1990er. Da sagte man uns bei Motörhead, dass Hardrock und Heavy Metal auf dem absteigenden Ast seien. Und dann riefen die Leute irgendwann ,Toll, dass Ihr zurück seid!‘ Was heißt zurück? Wir waren die ganze Zeit da.“

Lex Legion | Official Site of the Heavy Metal Supergroup

Picture credit: Patric Ullaeus